Upcycling in Pankow Zimmer mit Aussicht
Ein Wäschekorb aus Lattenrosten und ein Lampenschirm aus Büchern – in Pankow gibt es eine Wohnung, deren Einrichtung ausschließlich aus Sperrmüll entstanden ist.
Auf den ersten Blick wirkt es wie eine etwas karge Zwei-Zimmer-Wohnung. Doch in den Räumen der Zero-Waste-Wohnung steckt viel Leben, denn jedes Objekt hat schon etwas erlebt. Da ist der Metallstuhl im Wohnzimmer, der mit neongelbem Messeteppich neu bespannt wurde. Oder der Wäschekorb, gefertigt aus alten Lattenrosten. Oder die Stehlampe, deren Schirm aus zusammengeklebten Büchern mit aufgefächerten Seiten besteht. Auf kleinen, angehängten Schildern erzählen die Möbelstücke ihre ganz eigene Geschichte.
Die Zero Waste Wohnung ist ein Projektraum des Vereins Kunst-Stoffe und versammelt neu gestaltete oder reparierte Möbel. Sie will exemplarisch zeigen, wie ein anderer, nachhaltigerer Umgang mit Rohstoffen aussehen kann.
Die Gründerin Corinna Vosse ist frustriert davon, wie viele ausrangierte Möbel in Berlin vor den Häusern herumstehen. Laut BSR gab es allein im Jahr 2024 rund 54.000 Kubikmeter illegalen Müll in der Stadt. Vor zwei Jahren beschloss Vosse, etwas daraus zu machen. Sie sah keinen Müll, sondern eine Fülle an Möglichkeiten.
„Es gibt keinen Müll, nur Möglichkeiten.“ – Corinna Vosse
Dass Vosse in alten Möbeln mehr sieht als die meisten anderen Menschen, liegt an der Grundidee ihres Vereins. Vor 20 Jahren gründete sie den Verein Kunst-Stoffe Pankow nach einem Vorbild, das sie in New York kennengelernt hatte.
Die dortige Initiative „Materials for the arts“ sammelte Stoffe und Materialien, die sonst weggeworfen worden wären, und stellte sie Schulen, Theatern und Künstler*innen zur Verfügung. Eine Lösung für gleich zwei Probleme: Ressourcen wurden wiederverwendet und gleichzeitig Kunst und Bildung unterstützt. Vosse brachte dieses geniale Konzept nach Berlin.
Der Verein hat eine Werkstatt im Keller eingerichtet, im oberen Geschoss gibt es einen Raum mit Nähmaschinen. Regelmäßig finden Reparatur-Workshops für Möbel, Kleidung und Geräte statt. Das Lager im Erdgeschoss quillt über vor Materialien. Alte Teppiche, Vorhänge oder Plastikplanen werden hier gesammelt und weiterverkauft. Einige der Upcycling Möbel, die in den Workshops in Berlin aufgewertet werden, landen schließlich in der Zero-Waste-Wohnung.
Nachhaltigkeit im Detail: So Zero wie möglich
Zero Waste heiße übrigens nicht, dass gar kein Müll anfiele, erklärt Vosse. „Es geht immer nur um ein Annähern, um so zero wie möglich zu sein.“ So wurde der PVC-Boden der Wohnung mechanisch gesäubert, abgelaugt und neu bestrichen, statt ihn komplett herauszureißen. Die hellblaue Wand wurde mit einer Spachtelmasse aus abgelösten Tapeten bearbeitet. Im Kinderzimmer gegenüber vom Wohnzimmer ist die Tapete aus bunten Zeitschriftenseiten zusammengesetzt, der Boden aus herausnehmbaren Teppichfliesen.
Eine Windel mit biologisch abbaubarer Vlies-Einlage liegt auf einem Wickeltisch – dahinter steckt ein Start-up, das die dreckigen Einlagen wieder einsammelt und kompostiert. In der Küche neben der Spüle liegt ein Naturschwamm aus einer Luffa-Gurke und unter dem Waschbecken steht ein Kompostier-Eimer.
Realistisch oder Utopie? Tipps für den Einstieg
Ist es realistisch, so zu leben? Corinna Vosse findet: Ja. Aber dafür müsse man grundsätzlich umdenken. Viel zu oft seien wir darauf aus, alles sofort wegzuwerfen und etwas Neues zu kaufen. Einsteiger*innen empfiehlt Vosse kleine Schritte, die nicht wehtun. Es sei zum Beispiel leicht, einfach mal in einen Unverpackt-Laden zu gehen oder sich eine Gemüsekiste von einer solidarischen Landwirtschaft zu bestellen. Schon hat man mit seinem Einkauf kaum Müll produziert. Und wenn beim nächsten Mal etwas kaputtgeht, sollte man kurz innehalten und überlegen: Was könnte daraus noch entstehen?
Besuchen Sie die Zero Waste Wohnung
Kunst-Stoffe e. V. (Pankow)
Berliner Straße 17
13189 Berlin
Mittwochs von 15 bis 19 Uhr, freitags von 14 bis 18 Uhr sowie am 2. und letzten Sonntag im Monat von 14 bis 18 Uhr
www.kunst-stoffe-berlin.de
Fotos: Christina Korona (Stiftung Naturschutz Berlin)