Jugendfestival im Märkischen Viertel Nach den Stars greifen

Im Märkischen Viertel organisieren Jugendliche ihr eigenes Festival für Gleichaltrige. Sie lernen dabei nicht nur, wie viel Arbeit das macht, sondern vor allem viel über sich selbst.

23. Juni 2026
Jugendlicher im Hoodie sitzt im Freien auf einem Gebäudevorsprung und blickt seitlich vor blauem Himmel.

Es ist ein Mittwoch im Frühling um halb fünf nachmittags, als ein paar Jugendliche vor einem quadratischen Gebäude mit orangefarbenen Wänden eintrudeln, um die Welt zu verändern. Zumindest: ihre Welt. Hier ein Handschlag, da eine Umarmung, manchmal Faust auf Faust. Wie jede Woche treffen sie sich im Jugendzentrum comX, um das Jugendfestival Heatwave zu organisieren. Es soll am 3. und 4. Juli auf einer Grünfläche der GESOBAU am Seggeluchbecken stattfinden.

Schon zum fünften Mal soll es mehrere Tausend Besucher*innen ansprechen. Das Motto: der Sound gegen Intoleranz. Sie wollen mit dem Festival etwas verändern in ihrem Kiez, ihrem Bezirk, ihrer Bubble. Tatsächlich verändert das Festival aber auch sie.

Ein Jugendfestival in Berlin: Von Jugendlichen für Jugendliche

Die Jugendlichen zwischen 13 und 22 Jahren räumen die Stühle nach draußen und formen einen Stuhlkreis in der Sonne. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Heatwave – und ob es ein Erfolg wird, liegt zum größten Teil in ihren Händen.

Das Sozialunternehmen PARTIVA hat 2022 die Ausschreibung des Bezirks Reinickendorf für ein Jugendfestival gewonnen und will, dass es ein Ding von Jugendlichen für Jugendliche wird. Zwar gibt es auch einige erwachsene Coaches, aber die sagen selbst: „Wir sind alle ein Team. Kein Erwachsener steht über den Jugendlichen.“

Das junge Team hinter dem Heatwave Festival

Viele sind nicht zum ersten Mal dabei: Ibo, 20, kam vor fünf Jahren zum Projekt. Er hält eine Kamera in der Hand, dreht viel für die Social-Media-Kanäle, bewirbt sich gerade auf Ausbildungen zum Mediengestalter. Oder Ceci, 19, die zum vierten Mal dabei ist und nach einer Schulpause gerade ihren Abschluss nachholt. Und Ben, 16, der jeden Mittwoch extra eine Stunde aus Heiligensee herfährt. Er ist zum zweiten Mal dabei.

Mehr als nur Musik: Die Organisation des Festivals im Märkischen Viertel

Im Stuhlkreis schwirren die wichtigsten Fragen umher: „Welche Acts fragen wir an? Wieder Paula Hartmann?“ – „Welche Headliner wollen wir? Das müssen wir heute unbedingt besprechen.“ – „Lasst uns brainstormen, was wir alles im Backstage-Zelt brauchen.“
Die Gruppe überlegt genau, wem sie eine Bühne geben will. Ein großer Teil der Arbeit ist es, Künstler*innen und Songs anzuhören und abzuwägen, ob sie passen. Im ersten Jahr fanden viele von ihnen einen Rapper toll. Leider saß er in einem seiner Videos mitten in einem Hanf-Feld und blätterte Geldscheine durch. Sie haben ihn aussortiert.

Persönliche Entwicklung durch Jugendengagement in Berlin

Aber wieso verbringen Jugendliche im Märkischen Viertel ihre Nachmittage in Stuhlkreisen? Ibo hing schon länger im comX ab, weil es hier ein Tonstudio gibt und weil Musikmachen ihm alles bedeutet. Er war 16, als jemand ihn fragte, ob er nicht bei einem Festival-Projekt mitmachen wolle.
Er witterte seine Chance: „Am Anfang war mir die Organisation nicht so wichtig – meine einzige Absicht war, dass ich dort selbst auftreten kann“, sagt er. Wie toll aber auch die Hintergrundarbeit ist, wurde Ibo erst am Tag des Festivals wirklich bewusst: Er stand auf dem Gelände, sah die große Bühne und die Menschen, die nach und nach den Platz füllten.

Plötzlich umgab ihn ein Meer aus Gästen, er dachte: „Krass, die kommen wirklich!“ Als er jetzt davon erzählt, schüttelt er ungläubig den Kopf. „Das war crazy.“ Ibo glaubt, dass sich junge Menschen durchaus etwas wünschen, wo ihre Energie hinfließen kann. Dann könnten sie sich auch ganz anders entwickeln.
Er dreht sich nach links, zu Ceci. „Sie war am Anfang komplett ruhig. Jetzt ist sie unsere Powerfrau!“, ruft er und legt ihr den Arm auf die Schulter. Ceci lacht. „Sie tut gerade bescheiden, aber später zieht sie mir die Ohren lang.“

Ceci kam vor vier Jahren zum ersten Mal zu den Treffen. „Ich war sehr verschlossen, habe gar nicht geredet. Hier bin ich viel sozialer geworden und ich habe die Menschen richtig liebgewonnen“, sagt sie. Sie ging ins Organisations-Team, kümmert sich zum Beispiel um Dekoration, denn da kann sie am besten ihre Kreativität ausleben.

„Jeder kann sein Ding machen.“

Für Ben war das Festivalteam die erste Gruppe, in der er sich angenommen gefühlt hat mit seiner Art und seinem Aussehen. Verschiedene Frisuren, dicke Silberringe, Kreuze als Schmuck – Ben mag es, sich auszuprobieren.

„In anderen Gruppen hätte ich Angst, dass sie mich dafür verurteilen“, sagt er, „aber hier ist das nie so. Wir sind alle unterschiedlich, jeder kann sein Ding machen.“

Spontane Ideen und echter Impact: Was das Jugendfestival bewirkt

Zusammen lernen die Jugendlichen, dass es bei einem Festival um mehr geht als um die Musik-Acts auf einer Bühne. Es geht um die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, auszuprobieren – und einfach umzusetzen. Vergangenes Jahr war es beim Heatwave zum Beispiel genauso heiß, wie es der Name vermuten lässt. Über Walkie-Talkie fragte jemand: „Ey, wollen wir Wasserpistolen kaufen?“ Sie bekamen dafür tatsächlich 50 Euro Budget – und die Aktion wurde ein voller Erfolg. Hoch die Hände!

Was? Heatwave
Wann? 3.–4. Juli 2026
Wo? Festwiese am Seggeluchbecken, Calauer Straße/Finsterwalder Straße, Märkisches Viertel
Wieviel? Freier Eintritt
Instagram: @heatwave_festival

 


Bilder: Linda David


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