Kontakt in die Heimat Empfangskomitee
Fünf persönliche Schicksale zeigen, was es bedeutet, in Berlin eine neue Heimat zu finden, während das Herz oft noch in der Ferne schlägt.
In den Kiezen der GESOBAU leben viele Menschen, deren Heimat und Herz in anderen Ländern liegt. Ihr Ankommen in Deutschland war oft mit großen Herausforderungen verbunden. Wie bleiben sie mit ihren Liebsten in Kontakt? Wir haben hinter die Smartphones und Tablets und Telefone geschaut und im blauen Licht der Bildschirme Geschichten der Sehnsucht gefunden.
Ghiath aus Syrien: Das schwierige Ankommen in Deutschland
Ghiath Rajab (46) zog vor elf Jahren aus Syrien nach Deutschland und lebt seit 2019 bei der GESOBAU.
Ich bin zuerst allein nach Deutschland gekommen, weil ich vor dem Assad-Regime fliehen musste. Meine Tochter Maria war noch klein und konnte nicht verstehen, wohin und warum ich ging, denn in Syrien durften wir darüber nicht sprechen. Ich konnte ihr und meinen anderen beiden Kindern nur sagen, dass es dort, wo ich hingehe, sicherer ist. Drei Jahre lang waren wir voneinander getrennt.
Jeden Abend haben wir telefoniert, so gut es ging, auch wenn es in Syrien nur alle vier Stunden Strom gab und wir oft erst spät miteinander sprechen konnten. Ich habe mir große Sorgen um meine Familie gemacht und konnte kaum schlafen, weil ich sie so sehr vermisst habe.
Der Anfang in Deutschland war schwer, weil ich noch nicht so gut Deutsch konnte und die Menschen oft nicht verstanden habe. Es war nicht leicht, die richtigen Dokumente zu bekommen, um meine Familie nachzuholen.
Für mich war es schwer zu wissen, dass meine Kinder ohne mich aufwachsen, während die anderen Kinder ihre Väter bei sich hatten und ich nur aus der Ferne da sein konnte. Deutschland kannten sie nur aus meinen Erzählungen. Ich habe gesagt: Hier gibt es sichere Schulen und warme Häuser.
Als meine Familie endlich nach Deutschland kam, waren meine Kinder noch ziemlich klein. Ich glaube, für uns alle war die Ankunft ein schöner Moment, weil ich meine ganzen Freunde mitgebracht habe, damit sie einander kennenlernen konnten.
Gleichzeitig war es traurig, weil der Rest unserer Familie in Syrien geblieben ist: Omas, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins. Meine Kinder telefonieren fast jeden Abend mit ihnen. Ich kann oft nicht. Ich muss viel arbeiten.
Aber wenn, dann sprechen wir lange miteinander, denn die Internetverbindung ist in Syrien inzwischen viel besser und es gibt auch kaum noch Stromprobleme. Dann erzählen wir uns gegenseitig davon, wie unser Tag war. Das ist mir wichtig. Damit die Familie den Kontakt nicht verliert.
Wann wir unsere syrische Familie wieder besuchen können, weiß ich nicht, weil die politische Lage in Syrien immer noch so unsicher ist.
Hanna aus Polen: Ein Neuanfang voller Hürden
Hanna Maria Hetmanczyk (44) ist aus Polen über Irland nach Deutschland gekommen. Sie lebt seit 2016 bei der GESOBAU und hilft als Stadtteilmutter anderen Migrant*innen im Märkischen Viertel.
Mein Mann und ich sind wegen der Arbeit aus Polen weggegangen. Zuerst nach Irland, weil ein Bekannter meinte, dass es dort so viele Jobs gebe, dass man sie sich aussuchen könne. Dort war es dann auch total schön, aber ich hatte Heimweh und wollte wieder näher zu meiner Familie. Von Irland aus musste ich immer fliegen, das war teuer. Von Deutschland aus kann ich einfach ins Auto steigen und losfahren.
Mit 14 Jahren habe ich das erste Mal meine Tante in Berlin besucht – und habe mich sofort in die Stadt verliebt. Alles war so sauber. Meine Tante sagte: „Hanna, wenn du in Berlin weiße Socken anziehst, kannst du die eine ganze Woche tragen.“ So war das, zumindest damals.
Nachdem wir uns entschieden hatten, aus Irland wegzuziehen, habe ich meiner Tante gesagt, wir kommen sie besuchen und schauen, ob es meinem Mann gefällt. Wir haben sechs Monate mit zwei kleinen Kindern in einer engen Wohnung gewohnt, das war hart. Ich wollte für uns eine größere Wohnung und musste dafür Geld verdienen – der Job war mir egal. Ich habe zuerst als Zimmermädchen in einem Hotel gearbeitet, aber das würde ich nicht gern wieder machen wollen.
Es war schwer für mich, in Deutschland anzukommen, weil ich ein Mensch bin, der richtig viel reden möchte – und Deutsch war wirklich schwierig. Wenn ich in den Fahrstuhl gestiegen bin und „Hallo“ gesagt habe, kam meistens nichts. Auch der ganze Papierkram: Da musst du 20-mal immer den gleichen Antrag schicken und immer wieder kommt die Antwort, dass nichts angekommen sei. Das war so frustrierend.
Dann haben wir einen Mann kennengelernt, der das für uns regeln wollte – aber natürlich nicht umsonst. Dafür ging unser ganzes Erspartes drauf. Irgendwann dachte ich: Jetzt reicht’s, ich bin doch nicht dumm, ich kriege das alleine hin!
Jemand hat mir die Nachbarschaftsetage der GESOBAU empfohlen und da habe ich dann wirklich Hilfe bekommen, sogar auf Polnisch. Deswegen mache ich das jetzt auch: Ich helfe Menschen mit meiner Erfahrung, damit ihnen nicht das Gleiche passiert.
Ich telefoniere jeden Tag fast eine Stunde mit meiner Mutter. Wir reden über alles. Früher noch mehr, da brauchte ich viel Rat, sogar beim Kochen. Jetzt arbeite ich viel und die Kinder sind groß, aber der Kontakt ist noch da, wenn auch anders. Mein Vater ist gerade im Krankenhaus und ich würde am liebsten direkt hinfahren. Aber das geht wahrscheinlich erst an Ostern.
Wir sind jetzt seit zehn Jahren hier und ich fühle mich sehr wohl in Deutschland. Ich habe Glück: In meinem Haus wohnen so viele Menschen, die unglaublich nett sind. Die Leute sagen mir oft, dass ich immer lächeln würde. Und ich sage: „Ja, ja, ich habe immer gute Laune!“ Das stimmt natürlich nicht, aber das müssen die doch eigentlich nicht wissen.
Yalda aus dem Iran: Die Sehnsucht nach Familie und Freiheit
Yalda Ghafoori-Motekalemi (47) ist mit ihrer Schwester aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Sie lernte im GESOBAU-Kiez die deutsche Sprache zu sprechen – und die deutschen Freiheiten zu schätzen.
Manchen Menschen reicht es, wenn sie einmal in der Woche mit ihrer Familie sprechen. Ich brauche das jeden Tag, auch wenn es nur fünf oder zehn Minuten sind. Ich sitze dann auf meinem Sofa und spiele mit meiner Katze. Und auch wenn ich abends mal länger auf einer Veranstaltung unterwegs bin, versuche ich, trotzdem noch kurz mit ihnen zu sprechen. Wir reden dann über ganz Alltägliches: wie es uns geht oder was wir den Tag über gemacht haben. Meine Eltern sagen oft, sie können es an meiner Stimme hören, wenn es mir nicht gut geht.
Wenn die Sehnsucht nach meiner Familie zu groß wird und mich traurig macht, spreche ich mit meiner Schwester. Sie hat immer einen guten Rat. Es ist toll, dass ich sie habe. Manchmal höre ich auch Podcasts, am liebsten von persischen Pastoren. Mein Mann und ich sind hier in einer iranischen Gemeinde, da haben wir viele Freunde.
Ganz besonders schlimm war es im vergangenen Jahr während des Konflikts zwischen dem Iran und Israel. Da konnten wir zwölf lange Tage keinen Kontakt haben. Zwölf Tage nicht zu wissen, wie es meiner Familie geht – das war wirklich kaum auszuhalten. In dieser Zeit habe ich sehr, sehr viel gebetet und gehofft.
Auch jetzt gerade ist die Internetverbindung im Iran wieder komplett weg. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ich bete wieder viel und höre Podcasts.
Ich möchte unbedingt besser Deutsch sprechen, damit ich mich hier besser zurechtfinde. Zum Glück gibt es die Beratungsstelle Ipso. Wenn ich Probleme habe, helfen sie mir dort sogar auf Persisch.
In meiner Freizeit spiele ich Fußball bei Arminia Tegel. Im Iran durfte ich nur in der Halle spielen. Aber hier kann ich draußen spielen, sogar ohne Kopftuch. In Deutschland können alle Menschen, egal wie alt sie sind oder welches Geschlecht sie haben, alles machen. Als Frau kann ich sogar Busfahrerin werden. Männer und Frauen können zusammen schwimmen und tanzen. Ich wünsche mir von Herzen, dass der Iran bald frei wird und dass alle Menschen dort so leben können, wie sie es wollen.
Nasrat aus Afghanistan: Der lange Prozess des Ankommens
Nasrat Naziri stammt aus Afghanistan und arbeitet in der Gemeinschaftsunterkunft im Senftenberger Ring.
Als ich mit 17 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich viele Gefühle gleichzeitig, die schwer zu vereinbaren waren. Natürlich war ich froh, endlich angekommen zu sein nach der langen Zeit unterwegs, von einem Zug zum anderen. Aber als ich angekommen bin, wurde ich direkt in eine Unterkunft gebracht, die früher mal dem Militär gehörte. Davor standen sogar noch die ganzen Panzer. Das war total schräg, weil ich ja genau davor geflohen war. Einerseits dachte ich: Wow, die Reise ist endlich vorbei. Und gleichzeitig dachte ich: Was mache ich hier?
In Deutschland anzukommen, ist ein Prozess. Bei mir hat das mehr als fünf Jahre gedauert. Lange habe ich verglichen: Wie ist das hier? Wie kenne ich das aus meiner Heimat? Was ist besser, was ist schlechter? Irgendwann habe ich gedacht: Okay, du bist jetzt hier und das ist jetzt dein Leben.
Mit meiner Familie telefoniere ich vielleicht einmal in der Woche, meistens mit meiner Mutter. Manchmal sprechen wir nur fünf Minuten, manchmal 30 – je nachdem, was und wie viel passiert ist. Nicht alles kann man über ein Gespräch am Telefon auffangen. Oft hat man gar nicht die Zeit, alles richtig tiefgehend zu besprechen, oder erzählt anders über Dinge, wenn die anderen nicht live dabei waren. Wenn man zum Beispiel einen Schulabschluss geschafft hat, dann freut man sich schon, wenn die Eltern wirklich dabei sind – und nicht nur am Handy.
Wenn ich Heimweh habe, dann koche ich etwas, oder treffe mich mit Menschen. Sozialer Kontakt ist mir wichtig. Manchmal beneide ich andere Migrant*innen, die ihre Familien hier haben und einfach mal mit ihnen zu Abend essen können.
Nach zehn Jahren konnte ich meine Eltern zum ersten Mal besuchen. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Eine ganze Dekade war ich weg, in einer ganz anderen Kultur. In dieser Zeit haben sich meine Eltern und auch meine Geschwister verändert. Ich bin auch älter geworden, ich sehe jetzt manches anders als mit 17 Jahren. Ich übernehme jetzt mehr Verantwortung. Es hat mich traurig gemacht, so viel Zeit mit meinen Eltern verpasst zu haben. Seitdem frage ich mich manchmal, ob es das alles wert war.
Tanya aus Griechenland: In Deutschland sich selbst gefunden
Tanya Milkova (48) arbeitet als Beraterin und Übersetzerin für Familien aus Südosteuropa. Die gebürtige Griechin wohnt seit 2014 bei der GESOBAU und engagiert sich im Mieterbeirat.
Eigentlich hatte ich mir in Griechenland ein gutes Leben aufgebaut. Ich arbeitete als Köchin. Mein Sohn und meine Eltern lebten in der Nähe. Und dann kam die Einladung meiner Tante, sie mal ein paar Wochen besuchen zu kommen. Sie war mit einem deutschen Mann verheiratet, der in genau der Zeit plötzlich starb. Sie wollte in ihrer Trauer nicht allein sein und sagte: „Du kannst doch eine Zeit lang hier arbeiten und dann zurückgehen.“ Also blieb ich – zunächst als Übergang, dachte ich.
Inzwischen liebe ich es hier. Die Menschen begegneten mir von Anfang an freundlich und respektvoll und ich bekam viel Unterstützung, obwohl ich kein Deutsch sprach. Meine erste Wohnung erhielt ich über die GESOBAU. Dort lebe ich bis heute.
Ich machte eine Ausbildung und arbeite jetzt als Beraterin. Die Arbeit ist fordernd. Am Wochenende bin ich sehr erschöpft, nicht körperlich, sondern seelisch. Jeden Tag treffe ich neue Menschen, berate, übersetze und bin ständig empathisch. Das zehrt an den Kräften. Trotzdem ist mir das Arbeiten wichtig, denn es erfüllt mich innerlich. Die Schicksale der Menschen halten mich im Leben und geben mir Sinn. Deshalb spielt es für mich keine Rolle, wie viel ich verdiene.
Ich bemühe mich, stark zu bleiben. Trotzdem vermisse ich meine Familie sehr. Wir sprechen täglich miteinander. Oft sitze ich nach der Arbeit müde auf dem Sofa und sage nur ein paar Sätze. Das genügt ihnen. Außerdem schicke ich viele Fotos.
Es gibt keinen Augenblick, an dem ich nicht an sie denke: bei der Arbeit, beim Kochen, mit Freunden. Ich sehe sie nicht, ich höre sie nicht im Alltag. Vielleicht erzählen sie mir manches nicht, um mich zu schonen. Sie fehlen mir alle sehr.
Aber wenn ich an mein früheres Leben denke, wirkt es wie ein schlechter Traum. Ich kann nicht zurück. Hier bin ich richtig. Hier habe ich Ruhe. In Deutschland habe ich mich selbst gefunden.
Text & Bilder: Jana Kreisl