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Gemeinsam gegen Einsamkeit – mit der Organisation Silbernetz

Im Kiez

Gemeinsam gegen Einsamkeit – mit der Organisation Silbernetz

GESOBAU-Mieterin Elke Schilling rief vor sechs Jahren das „Silbernetz“ ins Leben. Dort können ältere Menschen anrufen und Unterstützung bei Einsamkeit erhalten.

Wenn Elke Schilling das Headset über den Kopf mit den kurzen grauen Haaren streift und auf ihrem Computer „Anruf annehmen“ klickt, sitzt am anderen Ende der Leitung ein Mensch mit Redebedarf. In diesem Fall ist die Anruferin 70 Jahre alt – und damit acht Jahre jünger als Elke Schilling. Die beiden Frauen lachen, teilen Geschichten aus ihrem Leben. Nach 20 Minuten verabschieden sie sich wie gute Bekannte. 

160.000 Anrufer*innen allein im Jahr 2022

Es liegt nichts Schweres in diesem Gespräch, im Gegenteil. „Das ist natürlich nicht immer so“, erzählt Elke Schilling. „Einige Menschen, die bei uns anrufen, haben durch den Tod eines geliebten Menschen oder eine Krankheit die meisten Kontakte verloren und sind froh, wenn sie einmal am Tag mit jemandem sprechen können. Da hören wir schon viel Einsamkeit und Verzweiflung heraus.“ 160 000 Anrufe zählte die Organisation 2022. 80 Prozent der Anrufenden sind über 60 Jahre alt. Besonders viele Anrufe verzeichnet ihre Organisation „Silbernetz“ um Weihnachten und Neujahr. Im kleinen Callcenter in der Pankower Geschäftsstelle an der Wollankstraße gehen aber auch an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag Anrufe im Minutentakt ein. Sie werden von Angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen entgegengenommen. Ein Teil der Stellen wird über die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung und die Arbeitsagentur finanziert. Die restlichen Ausgaben stemmt die Organisation über Spenden.

„Einige Menschen, die bei uns anrufen, haben die meisten Kontakte verloren und sind froh, wenn sie einmal am Tag mit jemandem sprechen können. Da hören wir schon viel Einsamkeit und Verzweiflung heraus.“ 

Das Schlüsselerlebnis, das Elke Schilling zur Gründung von „Silbernetz“ bewegte, spielte sich in ihrer Nachbarschaft ab. Ein älterer Mann verstarb in seiner Wohnung und wurde erst Wochen später gefunden. Vergeblich hatte Elke Schilling zuvor versucht, ihn zu erreichen und zu unterstützen. Als sie einen Roman der britischen Schriftstellerin Minette Walters von einer Telefonkette unter Nachbar*innen las, kam ihr eine Idee. „Ich schrieb der Autorin und fragte sie, ob es so etwas wirklich gibt“, sagt Elke Schilling. Minette Walters antwortete und machte Schilling auf die Silver Line aufmerksam, ein Hilfstelefon für ältere Menschen in London. Schilling reiste in die englische Hauptstadt, besuchte die Organisation und gründete 2018 in Berlin das „Silbernetz“. 

Anfangs war der Verein nur für die Berliner*innen da. Mit der Pandemie weitete er sein Angebot aber auf ganz Deutschland aus. „Plötzlich wurde über Einsamkeit gesprochen, die auch viele jüngere Menschen betrifft“, sagt Elke Schilling. Auch für Forscher*innen wurde das Thema immer interessanter. 

Das Hilfetelefon hilft bei Einsamkeit – in Berlin und deutschlandweit

Eine besonders kritische Zeit, in der viele Menschen einsam werden, ist demnach der Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand. „Viele Kontakte gehen in dieser Zeit verloren. Auch leiden viele Menschen, wenn sie nicht mehr zur Arbeit gehen, die ihnen ja viel bedeutet hat“, so Elke Schilling. Das weiß die frühere Mathematikerin und Programmiererin auch aus ihrer früheren Erfahrung als ehrenamtliche Seniorenvertreterin in Berlin-Mitte. 

„Das Telefon sichert beiden Seiten Anonymität zu. Das ist für viele Menschen viel einfacher als ein Besuch in der eigenen Wohnung“, sagt die gebürtige Leipzigerin, die vor ihrer Zeit bei „Silbernetz“ zwölf Jahre ehrenamtlich in der Telefonseelsorge Berlin gearbeitet hat. 

Die Mission: Menschen zusammenbringen

Vor vier Monaten hat sich Elke Schilling aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und hilft nur noch gelegentlich im Callcenter aus. Sie bleibt jedoch Vereinsvorsitzende und wirbt in der Öffentlichkeit für das „Silbernetz“. Die Ideen gehen ihr auch in Zukunft nicht aus. Ob sie eine Baumscheibe vor ihrem Haus bepflanzt oder mit „Silbernetz“ „Plauderbänke“ einweiht, die Menschen im öffentlichen Raum die Gelegenheit zur kommunikativen Rast geben – ihrer Mission, Menschen zusammenzubringen, bleibt Elke Schilling treu. 

Die „Silbernetz“-Hotline ist täglich in der Zeit von 8 bis 22 Uhr unter 0800 4708090 kostenfrei erreichbar. 

Silbernetz e. V. 
Wollankstraße 97 
13359 Berlin 
https://silbernetz.org

Ehrenamtlich mithelfen bei Silbernetz

Für Ehrenamtliche gibt es zwei Möglichkeiten, bei „Silbernetz“ mitzumachen: 

Silbernetzfreund*innen telefonieren einmal pro Woche zu einer festgelegten Zeit mit einem älteren Menschen. Diese Helfer*innen werden nach einem ersten Kennlerngespräch in einem Wochenend-Onlineseminar geschult und später durch Supervisionen bei ihrer Arbeit begleitet. Über die Website können sich interessierte Helfer*innen anmelden. 

Ehrenamtliche Telefonist*innen der Hotline sollten über 60 Jahre alt sein und mindestens vier Stunden pro Woche Zeit haben. Voraussetzung ist Erfahrung in der Gesprächsführung, zum Beispiel aus der Sozialarbeit, Altenpflege oder Psychotherapie. 

Weitere Informationen gibt es hier: https://silbernetz.org/mitmachen

Autorin: Judith Jenner, Aufmacherbild: Mit Herz bei der Sache: „Silbernetz“-Gründerin Elke Schilling hilft älteren Menschen bei Einsamkeit. Foto: Verena Brüning


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