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Im Kiez

وطن – Heimat

Jan Mohammadi, aus Afghanistan geflüchtet, erzählt uns beim Spaziergang von seiner Heimat und seinem neuen Zuhause Weißensee.

Jan Mohammadi hat seine Heimat verloren. „وطن“ (watan) sagt man zu Heimat auf Farsi, aber das versteht hier kaum jemand. Nach einer langen Flucht aus Afghanistan ist der junge Mann vor über einem Jahr in Weißensee angekommen. Er nimmt uns mit an jene Orte, die seinem Gefühl von Zuhause am nächsten kommen.

Spazieren gehen hilft. Als Jan Agha Mohammadi, von allen einfach nur Jan genannt, nach Jahren auf der Flucht endlich in Berlin angekommen ist, konnte er nicht stillsitzen. Jeden Morgen um sechs Uhr trieb es den 24-Jährigen hinaus, ins Freie, eine große Runde laufen. Es war seine Routine, die ihm das Ankommen erleichtert hat.

Er hatte seine Heimat Afghanistan über den Iran verlassen, strandete in der Türkei und wagte den Weg über die sogenannte Balkanroute bis nach Italien, die Schweiz und schließlich Deutschland. Wie lange er hierbleiben darf, ist noch unklar. Immer wieder stehen für Jan Termine beim Einwanderungsamt an, die ihm zu schaffen machen. Er möchte nicht darüber reden. Er möchte jetzt loslaufen.

1. Tee und Tischtennis

Wir beginnen in einem kleinen Park inmitten des Wohngebiets in Weißensee, beim DGZ-Ring, nicht weit von der Kunsthochschule. Neben mehreren Tischtennisplatten liegt ein abgetrennter Fußballplatz, mit Toren und einem künstlichen Boden. „Im Sommer sitzen wir nach dem Fußball- und Tischtennisspielen dann immer gemeinsam auf der Wiese und trinken Tee“, sagt Jan – eine Tradition, die er aus seiner Heimat mitgebracht hat.

Er lebt jetzt in einer Gemeinschaftsunterkunft zusammen mit vielen anderen Geflüchteten mit verschiedenen Hintergründen aus unterschiedlichen Ländern. Jan teilt sich sein kleines Zimmer mit zwei anderen Personen. Seine neuen Freunde haben keine afghanischen Wurzeln und besonders einfach sei es nicht gewesen, Kontakte zu knüpfen. Obwohl er fünfmal in der Woche zum Deutschunterricht geht, fällt ihm das Sprechen noch schwer.

2. Urbanität und Urnen

Jan läuft auf eine lange Backsteinmauer zu. Mittendrin versteckt sich ein gusseisernes Tor – der Eingang zum Georgen-Parochial-Friedhof III. Bäume säumen die Hauptallee und eine Sichtachse eröffnet den Blick auf die Kapelle. Jan liebt es, wie sich die Natur hier ihren Raum inmitten der Stadt zurückholt. In der Stille des Friedhofs kann er nachdenken über all das, was er zurückgelassen hat, auch seine Familie. „Ich vermisse aber nichts“, erzählt Jan. Außer den Bergen in Afghanistan. Die fehlen ihm manchmal.

3. Wechselweise am Weißen See

Am anderen Ende des Friedhofs sucht Jan die kleinen ruhigen Nebenstraßen, wie die Amalienstraße, um zum Weißen See zu gehen. Hier kann er den Wechsel der Jahreszeiten fühlen: beim Schwimmen im Sommer, beim Picknicken im bunten Laub im Herbst, beim Eisschlittern im Winter. Jan entdeckt am Ufer des Weißen Sees einen kleinen Schneemann – die XXL-Version davon habe er früher in Afghanistan immer gebaut. „Ich liebe es, im Schnee zu spielen“, erzählt er und scheint auch mit seiner offenen Jacke nicht zu frieren. „In Afghanistan hatten wir 40 bis 50 Zentimeter Schnee.“

Das sind die kleinen Momente, in denen man Jan anmerkt, dass es da noch ein anderes Leben gab, eins fernab von Berlin. Wenn er ganz selten dann kurz von einer Erinnerung aus seiner Kindheit erzählt, dann lächelt er und ist für ein paar Sekunden still. Er spricht nicht darüber, was auf seiner Flucht ganz alleine als Jugendlicher passiert sein könnte, was er vielleicht gesehen und erlebt haben mag. Stattdessen betont er dann schnell wieder, dass er hier doch jetzt alles hat und sich eine Zukunft aufbaut. Als Mechaniker möchte er später arbeiten.

4. Freizeit im Fitti

Jan ist immer in Bewegung. Sport hält nicht nur seinen Körper am Laufen, sondern auch sein Leben. Volleyball, Fußball, Tischtennis und das Gym helfen ihm, Leute kennenzulernen – und gleichzeitig sein Deutsch zu verbessern. Dreimal in der Woche trainiert er Volleyball, „weil wir ein Team sind“. Er spielt bei Turnieren mit, gewinnt Medaillen, und wenn er mal nicht gerade einen Ball über ein Netz schmettert oder einen Fußball im Park kickt, dann geht er ins Fitnessstudio Fitti im Weißenseer Weg, nur ein paar Stationen mit der Tram entfernt. Da trainiert er am liebsten seine Arme.

5. Aha und Allah

Auf einem Industriegelände, die Straße runter vom Weißen See, nur ein paar Stationen mit der Tram entfernt, versteckt sich eine Mischung verschiedenster Läden – überwiegend vietnamesische Lebensmittel, Restaurants und allerlei Nützlichkeiten für den Alltag.

Mittendrin, in einer Lagerhalle, liegt ganz unscheinbar die Darul-Aman-Moschee, in die Jan jeden Freitag geht. Er steckt seinen Kopf durch einen Vorhang in den Gebetsraum und brummt: „Hm, hier wird gerade gestrichen“, sagt er und kommt wieder heraus. „Wenn wir mal richtig viele sind und Lust auf ein großes Freitagsgebet haben, dann gehen wir manchmal auch alle zusammen in die andere Moschee“, erzählt er. Eine Halle weiter gibt es nämlich noch einen größeren Gebetsraum.

6. In ist, was im Imbiss ist

Am Schluss des Spaziergangs landen wir bei Jans Lieblingsimbiss – dem „Afghan Palaw Imbiss“. Zwischen den Lagerhallen voller kleiner Läden mit afghanischen Teetassen und orientalischen Teppichen steht ein kleiner Wagen auf der Freifläche und verkauft Heimweh. Am liebsten mag Jan Manto (kleine gefüllte Teigtaschen) oder Palau (Reis mit Gemüse und Hühnchenfleisch). Er versucht manchmal, das Reisgericht auch selbst in der Gemeinschaftsunterkunft zu kochen – aber so ganz geschickt scheint er dabei nicht. Einmal hat sich Jan beim Fleischschneiden so tief geschnitten, dass er ins Krankenhaus in Weißensee musste. Ansonsten steht aber auch viel Salat auf seinem Speiseplan und einmal in der Woche gibt es etwas typisch Deutsches: Döner.


Text: Hannah Prasuhn; Fotos: Lucas Peuser


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