Spaziergang mit Aufräumeffekt Pick-up-Artisten

Auf den Straßen Berlins liegt viel, was da nicht hingehört. Überall in der Stadt tun sich Menschen zusammen, um etwas dagegen zu tun. Wir haben Nachbar*innen bei einer Müllsammelaktion in Hellersdorf begleitet.

28. September 2026
Gruppe von Personen in orangefarbenen Warnwesten sammelt Müll in einer Wohnanlage, mit Greifzangen, Müllsäcken und einem Handwagen.

Christian Leske wartet an der Zossener Straße 158 mit Warnwesten und Müllsäcken. Seit sich die Bewohner*innen vergangenes Jahr Sauberkeitsaktionen gewünscht haben, befreit er mit dem gemeinnützigen Verein für Kiezkultur und Stadtteilentwicklung sostaplan die Straßen im Quartier Alte Hellersdorfer Straße von Müll. Der 43-Jährige kennt die Leute, die hier mitmachen, mittlerweile gut. „Da kommt schon die Fleißigste in unserer Runde!“, kündigt er die nächste Ankommende an.

Silvia Hermann sammelt schon auf dem Weg zum Treffpunkt Müll ein. Die 59-Jährige hat vor etwa fünf Jahren mit dem Müllsammeln angefangen und besitzt mittlerweile ihre eigene Müllzange und Warnweste. Der Dreck in ihrer Umgebung störte sie zunehmend: „Ich kann ja nicht nur meckern, sondern auch was dagegen machen.“ Mittlerweile ist sie mehrmals im Monat bei Aufräumaktionen wie diesem Kiez-Clean-up in Berlin unterwegs oder sammelt bei sich vor der Haustür auf eigene Faust Müll.

Der 39-jährige Stefan Schmidt zieht einen Wagen hinter sich her. Dort kommen die Mülltüten, Pfandflaschen und Taschen der anderen drauf. Er hat ihn bei einer früheren Müllsammelaktion gefunden. Jetzt steht ein Kinderroller auf dem Parkplatz an der Ecke Zossener Straße/Kastanienallee, der eigentlich noch gut ist. Stefan hat im Mai 2025 mit dem Müllsammeln angefangen – und die ganze Aktion auf Facebook geteilt. Das hat solche Wellen geschlagen, dass er sich motiviert fühlte, immer weiterzumachen.

Bei einem Haufen Sperrmüll beim nächsten Parkplatz an der Ecke Brigitte-Reimann-Straße bleiben Silvia und Stefan stehen, während die anderen schon weiterlaufen. „Das passiert immer öfter“, regt Silvia sich auf, „dass die Leute ihren Müll einfach vor die Haustür stellen.“ Silvia weiß mittlerweile, dass man illegal abgestellten Müll beim Ordnungsamt per Website, Telefon oder App melden kann, damit die BSR ihn abholt. Das macht sie lieber sofort, bevor sie es später vergisst.

Zwischen den Wohngebäuden direkt hinter dem Tischtennisplatz entdeckt Silvia besondere Mülltonnen. „Ich verstehe nicht, wie die da ihren ganzen Müll entsorgen können. Die sehen so klein aus“, wundert sie sich und inspiziert die Tonnen. Aber die Unterflurcontainer sind tatsächlich riesig. Es macht ihr Spaß, Müll zu sammeln, zu wissen, dass er abgeholt wird, und von Leuten Dank dafür zu hören. „Ich will meinen Beitrag für die Gesellschaft auf diese Art leisten, weil ich nicht mehr erwerbsfähig bin“, sagt sie.

Dem Kiez etwas zurückgeben: 
Eine Herzensangelegenheit

Mitten in der Wohnanlage zwischen Zossener Straße und Havelländer Ring guckt sich Stefan in der Gegend um. „Hier war früher überall nur Wiese“, sagt er. „Da bin ich als Kind zum Zirkus gegangen.“ Seine Kindheit und Jugend hat er in diesem Kiez verbracht und kommt für die Müllsammelaktionen in Hellersdorf immer noch zurück.

„Ich habe dem Kiez so viel zu verdanken“, sagt er. Stefan hat seit seiner Kindheit eine Behinderung und aus gesundheitlichen Gründen keine Erwerbsarbeit. Mit dem Müllsammeln will er dem Kiez etwas zurückgeben, der schon in seiner Kindheit so tolerant zu ihm war. Außerdem knüpft er darüber neue Kontakte. „Man sitzt nicht nur in der Bude rum, sondern hat frische Luft und Bewegung“, sagt er.

Die junge Generation packt mit an

Die 14-jährige Sophie hat inzwischen einen Pinsel bei der Tischtennisplatte vor der Kita Grünschnabel gefunden. Sie begleitet heute ihren Vater Tobias beim Clean-up, der auch bei sostaplan arbeitet. Ihr ist das Thema Müll selbst wichtig: „Müll schadet den Tieren, der Umwelt und auch uns selbst, wenn wir uns nicht rechtzeitig um ihn kümmern“, sagt sie. Sie würde auch bei weiteren Müllsammelaktionen mitmachen – wenn sie nicht gerade etwas für die Schule machen muss.

Vorm Supermarktparkplatz schütten alle Teilnehmer*innen den gesammelten Müll in zwei große orangefarbene Mülltüten mit BSR-Aufdruck. „So weiß die BSR, dass der Müll von uns kommt und nicht illegal abgeladen ist“, erklärt Christian. Dann gibt es Kaffee und Kekse als Belohnung.

Christian wünscht sich, dass mehr Anwohner*innen an solchen Aktionen teilnehmen: „Es ist eine Sache, sich so was zu wünschen, und eine andere, auch mitzumachen.“ Stefan sieht hingegen, was die Aufräumaktionen bereits verändern: „Bis vor Kurzem habe ich in der Herzbergstraße aufgeräumt. Dort ist es viel besser geworden. Meine Arbeit hat andere motiviert.“

Machen Sie mit!

Es gibt viele Gründe, nichts zu unternehmen. Zum Glück gibt es immer wieder Menschen, die es trotzdem tun. So nehmen Sie Kontakt auf zum Quartiersmanagement „Alte Hellersdorfer Straße“:

030 3758 2129
alte-hellersdorfer@weeberpartner.de 
alte-hellersdorfer.de


Fotos: Verena Brüning


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