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Zwischen Himmel und Erde

Geflüchtete aus Reinickendorf haben einen Klettergarten im Märkischen Viertel gebaut. Ein beispielhaftes Projekt, das nicht nur Integration fördert, sondern auch Zukunftsperspektiven eröffnet.

Geflüchtete Männer nur auf die Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln zu reduzieren, sei ihm zu kurz gegriffen. Oliver Rabitsch, Integrationsbeauftragter in Reinickendorf, schüttelt vehement den Kopf. »Zumal mich viele Männer anschließend angesprochen, sich von den Taten ihrer übergriffigen Landsleuten distanziert haben.« Probleme im Miteinander wolle er nicht kleinreden. Er wisse um die Vorbehalte mancher Reinickendorfer gegenüber Flüchtlingen, ihrer Angst vor anderen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Für Rabitsch Anlass genug, gegen das Vorurteil vom »gefährlichen Fremden« anzugehen – mit dem Projekt »Zwischen Himmel und Erde«. Am 4. November wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit präsentiert: der neue Klettergarten am Wilhelmsruher Damm.

MITSTREITER AUS DEM BEZIRK

Die Idee des Integrationsbeauftragten: Wenn Flüchtlinge unter fachlicher Anleitung einen öffentlichen Klettergarten-Spielplatz im Bezirk bauen, können sie dabei erste Kontakte zur Nachbarschaft knüpfen. Schnell konnte Rabitsch Mitstreiter für seine Idee gewinnen – wie den Geschäftsführer des Diakonischen Werks Reinickendorf, Thomas Maier, und Ute Strelow von der Evangelischen Apostel-Petrus-Kirchengemeinde. »Wir können nur miteinander leben, wenn wir uns kennenlernen«, betont Rabitsch. Ute Strelow stimmt zu. »Die Gemeinde stimmte dem Vorschlag, für das Klettergarten-Projekt einen bislang ungenutzten Teil unseres Kirchengeländes am Wilhelmsruher Damm 159 zur Verfügung zu stellen, sofort zu«, sagt sie erfreut. Aber immerhin würden die Jungen und Mädchen der ebenfalls auf dem Gemeindegelände ansässigen Kita »Kirchenmäuse« ja auch direkt von den neuen Spielgeräten profitieren, fügt sie hinzu. Die Vier- und Fünfjährigen waren schließlich denn auch die Ersten, die den fertiggestellten Klettergarten mit lautem Juchhu in Beschlag nahmen. Nicht allein: Kinder aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Serbien taten es ihnen gleich. Darunter Söhne und Töchter der 21 geflüchteten und nun in Reinickendorf untergebrachten Männer, die zwischen September und November das Rasenareal der Gemeinde in einen Klettergarten verwandelten.

PRAKTIKUMSPLÄTZE FÜR FLÜCHTLINGE

Die Materialkosten für das Projekt beziffert Rabitsch mit fast 70.000 Euro. »Das konnten wir nur mit Hilfe von Sponsoren stemmen.« Um die mussten die Klettergarten-Initiatoren nicht lange buhlen. Neben der GESOBAU, dem Evangelischen Kirchenkreis Reinickendorf und der Berliner Seilfabrik engagierten sich beispielsweise auch die Firmen Theodor Bergmann GmbH & Co., die Märkische Rohrleitungs- und Anlagenbau GmbH, die Schmitt + Sohn Aufzüge GmbH und das Netzwerk »Willkommen in Reinickendorf« für den Klettergarten.

Das Projekt sei ein Geben und Nehmen, merkt Rabitsch an. Denn: »Viele der Sponsoren nutzten in der Bauphase die Möglichkeit, das Flüchtlingsteam genau zu beobachten, um potenzielle Fachkräfte unter den Männern auszumachen.« Die hätten wochentags zwischen 9 und 16 Uhr ordentlich zugepackt, »obwohl die Mehrheit nicht vom Fach war«, erklärt der Integrationsbeauftragte. Das Resultat: Vier Firmen wollen zehn Flüchtlingen aus dem Team nun eine Praktikumsstelle anbieten. Für Thomas Maier vom Diakonischen Werk das eigentliche Sahnehäubchen: »Dass die Männer etwas Sinnvolles umsetzen konnten, dafür Lob und Anerkennung geerntet haben, hat ihnen ihren Stolz zurückgegeben und ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie konnten endlich ein Stück Normalität leben – etwas, das für uns selbstverständlich ist.«

Oliver Rabitsch bastelt derweil schon am nächsten »Kennenlern«-Projekt. Wieder will er das Team der 21 Männer einbinden. »Dieses Mal wird das Thema Schule dabei eine Rolle spielen«, verrät er. Im Frühjahr soll es losgehen.

 


Text und Fotos: Katrin Starke

Von Gesobau,
16.12.2016