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Solidarisch wohnen

Die Weddinger Hauskooperative Groni50 lebt seit 1983 in dem ehemals besetzten Haus. Jetzt hat die GESOBAU den Mietvertrag für 15 Jahre verlängert und damit die alternative Wohnform weiterhin gesichert.

Ein Besuch im Hinterhaus der Groninger Straße 50 ist Balsam für die in diesen Tagen so geschundene Seele. Während draußen die Angst vor dem sozialen Abstieg und Verfremdung Hass und Gewalt schüren, während die Lieblingsfarbe keine bloße Geschmacksfrage, sondern eine politische Haltung ist, während einzelne Individuen eine ganze Gesellschaft spalten, verweilt man hier drinnen wie in einer Blase. Hier zählt einzig das Kollektiv – unabhängig von Konfession, Herkunft und Stand. »Carpe Diem« (»Nutze den Tag«) steht in Stein gemeißelt vor der grasgrünen Eingangstür der Weddinger Hauskooperative. Eine Lebenseinstellung, die hier jeder Bewohner mitbringt.



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LEBEN IM KÜCHENKOLLEKTIV

In der »Groni50«, wie sich die Hauskooperative nennt, wohnen derzeit 25 Erwachsene und vier Kinder wie in einer großen WG, verteilt auf mehrere Etagen, mit Gemeinschaftsküchen, Veranstaltungsraum, Garten, Werkstatt und weiteren Gemeinschaftsräumen. Wer einmal hier wohnt, den zieht meistens nur ein neuer Job in einer anderen Stadt wieder weg. Am längsten dabei ist Christine Schmidt. Die 42-Jährige wohnt seit 20 Jahren in der Groninger Straße, hier sind auch ihre Kinder aufgewachsen. Sie hat die Wohnungsannonce damals in einer Zeitung gesehen und sich ganz bewusst für das kollektive Wohnen entschieden. »Ich habe nie eine eigene Wohnung gehabt und bin auch nie viel in meinem Zimmer geblieben, sondern habe immer die Gemeinschaft gesucht«, erzählt die Lehrerin.


»Wer weniger verdient, der muss bei uns auch weniger Miete bezahlen.«
Nadine Heymann, Bewohnerin


 

Das Miteinander steht bei Groni50 über allem. Deshalb zieht man anders als in einem »normalen« Mietshaus nicht nur in eine Wohnung ein, sondern in erster Linie in eine Küche. Die insgesamt 25 Wohnungen im Haus sind sechs Gemeinschaftsküchen zugeordnet, den sogenannten »Küchenkollektiven«. Wer dazugehören möchte, muss zunächst das Küchenkollektiv von sich überzeugen. Erst danach folgt die Zustimmung der anderen Bewohner des Hauses nach dem Mehrheitsprinzip. »Jemand hat mal gesagt, der Bewerbungsprozess ist schlimmer als ein Assessment-Center«, sagt Nadine Heymann, und kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ganz so streng sieht es die 37-Jährige zwar nicht, aber man müsse schon »ein Auge darauf haben, wer hier einzieht«.

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Ist diese Etappe erfolgreich bewältigt, erwartet das neue Kollektivmitglied ein großer Vertrauensvorschuss und vor allem: Gemeinschaft. Es wird gemeinsam gekocht – erst kürzlich gab es einen Kürbissuppencontest, bei dem der Sieger den goldenen Löffel überreicht bekam –, einmal im Monat in der »Gronirunde« eifrig gequizt und zweimal im Jahr im großen Kollektiv zusammen verreist. Auch in den gemeinschaftlich genutzten Badezimmern – nur wenige Wohnungen haben ein eigenes Bad oder eine eigene Toilette – kann es da schon mal zur Mehrfachbelegung kommen: »Einer duscht, einer sitzt auf dem Klo und einer putzt die Zähne«, erzählt ein Mitbewohner. Und es gibt ein kleines Fernsehzimmer. Das werde aber kaum genutzt, daher komme man sich nicht in die Quere.

Wie immer, wenn Menschen zusammen kommen, gibt es auch bei Groni50 mal Unstimmigkeiten. »Das ist ganz normal und nicht anders als sonst im Leben«, findet Christine. »Man sollte aber grundsätzlich entspannt und tolerant sein.« Wenn das nicht hilft, werden die Probleme im Plenum diskutiert und durch Mehrheits- oder Konsensentscheidungen zu lösen versucht.

Erst recht in einer Hauskooperative bilden Regeln und Aufgaben die Voraussetzung für ein gemeinsames Zusammenleben. »Es gibt prinzipiell für alles Regeln, die regelmäßig angepasst werden«, erklärt Mitbewohnerin Franzi. Dazu gehört zum Beispiel, dass jeder Bewohner ein bis zwei Hausjobs übernimmt, um zur Selbstverwaltung beizutragen: Wäsche waschen, Garten pflegen oder wie Aslan die hauseigene Werkstatt führen. »Wenn man selbstverwaltet wohnt, fällt doch öfter mal etwas an«, sagt er.

 

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SICHERUNG DES KOLLEKTIVEN WOHNENS

Auch die Haushaltskasse muss geführt und die Miete bezahlt werden. Die GESOBAU hatte das Haus in den Siebzigerjahren übernommen und wollte es damals abreißen. Obwohl bereits Öfen und Küchen demontiert wurden, verharrte ein Ehepaar erfolgreich in seinen vier Wänden – mit Erfolg: Nachdem das Haus 1980 besetzt wurde, ließ die GESOBAU die Abrissgenehmigung auslaufen und vereinbarte 1983 einen individuellen Mietvertrag mit Groni50. Um das kollektive Wohnen auch in Zukunft zu sichern, wurde der Vertrag im Oktober 2016 mit einer Laufzeit von weiteren 15 Jahren und einer Option zur Verlängerung erneuert. Damit verbunden ist außerdem ein Kooperationsvertrag, in dem die Beratung und Unterstützung der GESOBAU bei Partizipationsprojekten, wie zum Beispiel Hofgestaltungen, und Themen der sozialen Kommunikation, wie etwa Nachbarschaftsstreitigkeiten, vereinbart wurden.

SOLIDARITÄT AUCH BEI DER MIETE

Wer wie viel Miete bezahlt, das entscheiden die Bewohner ebenfalls auf dem Prinzip des solidarischen Wohnens. »Wer weniger verdient, der bezahlt auch weniger«, erklärt Nadine. »Und Kinder wohnen kostenlos.« Der Gedanke dahinter ist abermals ein Beleg dafür, dass die Uhren hier anders ticken als da draußen: »Bewohner, denen es eine Zeit lang schlecht geht, können dadurch mitgetragen werden.« Gleiches gilt für die Nutzung von Lebensmitteln: »Diejenigen, die weniger verdienen, dürfen auch den teuren Käse aus dem Kühlschrank essen», sagt Aslan. Hierarchische Strukturen machen sich etwa dann bemerkbar, wenn eine Wohnung frei wird. Dann erhält derjenige, der am längsten in der Groni50 wohnt, den Vortritt.

Heute ist Geburtstagsvorbereitungsbasteln in einem Küchenkollektiv angesagt. Die kleine Inci wird morgen drei Jahre alt. Ob Kinder oder Erwachsene: Alle Bewohner sind eingeladen, mitzubasteln. Und gefeiert wird – natürlich – auch wieder gemeinsam.

 


Text: Susanne Stöcker
Fotos: Lia Darjes

Von Gesobau,
16.12.2016