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Rosa ist für alle da

Vielfalt im Kinderzimmer: Nicht jeder Junge spielt gerne Fußball, nicht jedes Mädchen will Prinzessin werden. Viele Eltern zeigen ihren Kindern schon früh, dass die Welt bunter ist.

Schon während ihrer Schwangerschaft war sich Mirjam Schröter einer Tatsache bewusst: »Meine Kinder werden anders aufwachsen als ich – und sie werden eine andere Stärkung brauchen als ich in meiner Kindheit.« Denn: Ihre Kinder würde eine andere Hautfarbe haben als sie. Heute ist die 32-jährige Neuköllnerin Mutter zweier schwarzer Kinder. Und sie hat Möglichkeiten gefunden, wie sie ihre Kids stärken kann: unter anderem mit Spielzeug, das die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. 

Puppen im Rollstuhl 

Lange suchte sie nach Puppen mit schwarzer Hautfarbe. »Ich wollte Spielzeug finden, mit dem sich meine Kinder identifizieren können – das ihnen hilft, sich zugehörig zu fühlen. Für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist es wichtig, dass sie eine Umgebung haben, in der sie sich wiederfinden«, sagt die Sozialarbeiterin. Doch in Spielzeugläden wurde sie kaum fündig. Das Gros der Puppen war weiß. Außerdem schlank und ohne körperliche Handicaps. Und die kleinen Figuren für die Puppenstube gab es nur im Viererpack: Vater, Mutter, zwei Kinder. 

Verleiht Flügel: Kinder, die sich in der Welt dazugehörig fühlen, können alles erreichen.

 

Damit wollte sich Mirjam Schröter nicht abfinden, schrieb Spielzeughersteller an, durchforstete das Internet und Kataloge. Sie entdeckte schwarze Puppen, vornehmlich in US-amerikanischen Online-Shops, aber nicht nur: »Es gibt auch in Deutschland Spielzeug, das nicht nur Stereotype bedient. Aber manchmal sind das nur 5 von 600 Produkten in einem Sortiment«, erzählt sie. Noch während ihres Studiums entschied sich Schröter, selbst einen Online-Shop zu eröffnen: Mit 120 Produkten ging sie im Sommer 2016 mit Diversity-Spielzeug.de an den Start, mittlerweile sind es mehr als 500. Darunter Puppen mit Hörgerät, Spielfiguren im Rollstuhl, Bücher, Brettspiele, Puzzles, die Vielfalt zeigen.

Ein Stift für jede Hautfarbe

Der absolute Verkaufsschlager seien die Hautfarbenstifte, sagt Schröter. »Damit können Kinder beim Malen selbst entscheiden, welche Hautfarbe die Menschen, die sie gerade zeichnen, haben sollen.« Auch sind die kleinen Biegepuppen für die Puppenstube bei ihr einzeln zu haben. »So kann jeder seine eigene Familie bilden – etwa Regenbogenfamilien mit zwei Müttern oder zwei Vätern.« Aber auch Püppchen im rosafarbenen Prinzessinnen-Look gibt es bei ihr. »Das ist ein Dilemma, das sich nicht lösen lässt«, sagt die engagierte Mutter, »mein Sohn fand rosa eine Zeit lang voll gut«. 

Zu Mirjam Schröters Kunden gehören Eltern ebenso wie Kitas, Schulen und Familienzentren. Darüber ist sie froh, »denn auch für weiße, nicht-behinderte Kinder ist es wichtig, Vielfalt kennenzulernen und zu erfahren, dass ein schwarzes oder behindertes Kind nur vermeintlich anders ist und Vielfalt Normalität«.

Jungen können nicht nur Ingenieur oder Feuerwehr- mann werden, Mädchen nicht nur Friseurin oder Tierärztin.

Diversity zum Nachlesen

Vielfalt als Selbstverständlichkeit, das gebe es auch in Kinderbüchern noch immer viel zu selten, beklagt Suse Bauer. Deshalb hat die alleinerziehende Mutter zusammen mit anderen Engagierten 2018 das vielfältige Kinderbuchfestival »Kimbuk« ins Leben gerufen. Auch der bekannte Aktivist Raul Krauthausen, der sich seit Jahren für Inklusion und Barrierefreiheit behinderter Menschen einsetzt, gehört zu den Geburtshelfern. 

Autoren, Vertreter von Kinderbuchverlagen, Buchhändler und Illustratoren kamen zu Lesungen, Workshops, Aufführungen in die Werkstatt der Kulturen. Immer wieder drehten sich Gespräche und Diskussionen um die Frage: »Wie bringen wir mehr Vielfalt ins Kinderzimmer?« 600 Leute besuchten das Festival. »Eine gigantische Resonanz, die wir gar nicht erwartet hatten«, erzählt Suse Bauer, die als Illustratorin selbst schon mehrere Bücher mit vielfältigen Zeichnungen ausgestattet hat. Unter anderem die Geschichten von Autorin Dorothea Flechsig über den kleinen Dreckspatz Aurelia – ein Mädchen, das sich gerne auch mal schmutzig macht und bei seinem Vater aufwächst. 

Gütesiegel für Kinderbücher

Das nächste Kimbuk-Festival wird es zwar erst 2020 geben – was aber nicht heißt, dass die Organisatoren in der Zwischenzeit untätig wären. Im Gegenteil: »Aus dem Festival ist die Idee eines vielfältigen Kinderbuchsiegels entstanden«, erzählt Suse Bauer. »KIMI« soll als eine Art »Blauer Engel« und Gütesiegel für Vielfalt im Kinder- und Jugendbuch stehen – und wird im Mai 2019 zum ersten Mal verliehen. 

Einmal pro Jahr sollen künftig aus der großen Zahl von Neuerscheinungen eines Jahres diejenigen ausgezeichnet werden, »die bunt und fröhlich, realistisch und fantasievoll, vor allem aber beiläufig vielfältig und ohne Klischees aus der Welt von Kindern und Jugendlichen erzählen«. Nicht nur eine Erwachsenenjury trifft die Auswahl. »Wir wollen auch die Expertise von Kindern«, sagt Suse Bauer. Deswegen bewerten zudem zwei Kita-Gruppen und eine Schülergruppe die Bücher. 

Wie viele letztlich das Siegel bekommen – da wagt Kimbuk-Aktivistin Gabriele Koné von der »Fachstelle Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung« am Berliner Institut für den Situationsansatz (ISTA) keine Prognose. In Kinder- und Jugendbüchern würden Vielfalt und Anderssein oft noch immer als Problem gesehen, sagt Koné und nennt ein Beispiel: »Behinderung wird selten als etwas Natürliches gesehen, das es nun einmal gibt. Stattdessen gibt es in Büchern fast immer eine Form der Erlösung und das Kind wird plötzlich geheilt – oder stirbt.« Alleinerziehende würden fast immer als arm dargestellt. »Wir wollen dazu anregen, dass mehr Vielfalt gezeigt wird – ohne dass Vielfalt als etwas Exotisches gesehen wird«, sagt Koné. Dazu sei das neue Kimi-Siegel ebenso ein Schritt wie das Festival. »Da können wir aber noch gut Unterstützung gebrauchen«, so Koné, »Sponsoren ebenso wie helfende Hände«.

 


Text: Katrin Starke

Diversity-Spielzeug aus dem Berliner Onlienshop.

Vielfältige Inspirationen

Spielzeug aus dem echten Leben Berliner Onlineshop für Eltern, Pädagogen und allen Menschen, die Wert auf Vielfalt in Kinderbüchern und beim Spielzeug legen.
www.diversity-spielzeug.de 


Diversity-Kinderbuchsiegel KIMI.

Kinderbuch-Festival

Das Festival der vielfältigen Kinderbücher pausiert 2019, dafür wird am 9. Mai das neue KIMI-Kinderbuchsiegel erstmals verliehen.
www.kimbuk.de


 

Die bunte Welt in Kinderbüchern.

Ein Koffer voller Geschichten 

Bücherempfehlungen für jede Altersstufe hat die Kreuzberger »Fachstelle Kinderwelten« zusammengestellt. Kitas und Grundschulen können diesen Koffer kostenlos leihen, die Auswahl ist auch für Eltern lesenswert.
www.situationsansatz.de


Verlosung

100 beeindruckende Frauen, die die Welt bewegen, machen in »Good Night Stories for Rebel Girls 2« Mädchen Mut, an ihre Träume zu glauben.
100 unglaubliche Männer, die sich getraut haben, anders zu sein, bestärken in »Stories for Boys who dare to be different« Jungs, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wir verlosen jeweils 2 Exemplare der Bücher für Kinder ab 10 Jahren. Schicken Sie uns dazu bis 31. Mai 2019 eine Mail mit dem Stichwort »Boys« oder »Girls« an:
hallo.nachbar@gesobau.de

Von Redaktion,
28.03.2019

Wussten Sie schon …

… dass Menschen aus mehr als 190 Nationen
in dieser Stadt leben?

… dass in Berlin eine der größten lesbischen, bisexuellen, schwulen und trans* Communities Europas zu Hause ist?

… dass gegenwärtig mehr als 250 Religions- bzw. Weltanschauungsgemeinschaften
in Berlin aktiv sind?

Quelle: Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen.