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Damit der Mixer wieder mixt

Reparieren statt wegwerfen: In Repair-Cafés bringen Berliner kaputte Elektrogeräte und Haushaltsgegenstände gemeinsam wieder in Ordnung. Das Wissen zu teilen macht Spaß, schont Geldbeutel wie Ressourcen – und verhilft geliebten Stücken zu neuem Leben.

Es sei vielleicht nicht mehr das jüngste Modell, passe aber farblich genau zu Kaffeemaschine und Toaster, erzählt die Mittfünfzigerin und stellt den betagten Wasserkocher auf den Tisch. »Seit ein paar Tagen sagt das Ding keinen Papp mehr, das Wasser bleibt kalt.« Ob da noch etwas zu machen sei, will sie von Wolfgang Lohding-Rott wissen. Der rüstige Rentner schaut sich das Gerät gründlich an. Schnell hat er den Fehler gefunden: Ein Draht im Kabel hat sich gelöst. »Das ist rasch repariert«, sagt er und drückt der Frau einen Schraubenzieher in die Hand, damit sie schon mal die Schräubchen am Unterboden der Heizplatte löst. Denn: Aktive Mitarbeit gehört zum Konzept der Repair-Cafés. »Wir sind keine Reparaturwerkstatt, wo die Leute etwas abgeben und später wieder abholen«, sagt Lohding-Rott. Der 70-Jährige arbeitet ehrenamtlich gleich in zwei Repair-Cafés mit – im Brunnenviertel im Wedding und im Stadtteilzentrum in Pankow. Letzteres ist vor zwei Jahren sogar auf seine Initiative hin aus der Taufe gehoben worden. 

»Ich habe mein halbes Leben als Tischler gearbeitet«, erzählt Lohding-Rott. Früher, als die Familie noch in einem Eigenheim wohnte, habe er auch zu Hause immer gewerkelt, selbst ein Boot gebaut. »Eigentlich bin ich ein Allrounder«, sagt der 70-Jährige. Und weil er immer ein begeisterter Handwerker gewesen sei, habe er sich überlegt, seine Fähigkeiten im Ruhestand ehrenamtlich zu nutzen. Zugleich sei das sein Beitrag gegen die Wegwerfgesellschaft. 17 Kilogramm Elektroschrott pro Person und Jahr fallen in Deutschland an. 

»Vieles davon hätte man sicher noch retten können«, ist Lohding-Rott überzeugt. »Nur an Smartphones traue ich mich nicht ran.« Seine persönliche Reparaturquote schätzt er auf etwa 70 Prozent. »Und weil die Leute bei uns ja durchs Mitwirken und Zuschauen auch was lernen, können sie sich beim nächsten Mal, wenn etwas im Haushalt kaputtgeht, vielleicht sogar selber helfen«, sagt er. Wichtig sei nur, vor dem Arbeiten den Stecker zu ziehen. Die Unfallgefahr bei elektrischen Geräten sei verschwindend gering, schätzt er ein. Die meisten Elektrounfälle würden Elektrikern passieren, »weil die sich so routiniert fühlen, dass sie alles unter Strom machen«. 

Vielfach seien ältere Geräte besser zu reparieren als Modelle neuerer Bauart, hat Lohding-Rott festgestellt. »Allein schon, weil man die leichter aufschrauben kann.« Das sei oft schon die halbe Miete, »weil man sofort sehen kann, ob sich irgendwo ein Draht gelöst hat oder ein Kontakt korrodiert ist.« Das kann Juliane Erler von der Freiwilligenagentur bestätigen, die gemeinsam mit Ira Freigang vom Nachbarschaftszentrum als hauptamtliche Mitarbeiterin das ehrenamtlich geführte Repair-Café im Stadtteilzentrum Pankow betreut. »Meinen Staubsauger habe ich schon 25 Jahre«, erzählt Erler. »Als unsere Nagetiere mal das Kabel durchgeknabbert haben, habe ich ihn einfach mitgebracht ins Repair-Café und mit Unterstützung unserer Experten ein neues drangeschraubt.« 

Staubsauger seien auch schon so ziemlich die größten Geräte, die dort repariert würden. Die Faustregel heißt: Repariert wird, was man problemlos hintragen kann: »Bügeleisen, Fön oder auch Lampen«, zählt Juliane Erler auf. Mal sind Kontakte rostig, mal Sicherungen durchgebrannt. Kürzlich war bei einem Gerät auch nur die Batterie leer. »Schlauch bei einer Espressomaschine geplatzt, Kaffeemaschine verkalkt, Getriebe eines CD-Spielers defekt«, liest Juliane Erler aus ihrer Statistik vor, was ihre vier ehrenamtlichen Experten – neben dem Tischler Lohding-Rott sind das ein Elektromeister und zwei Ingenieure – in jüngster Zeit so alles in die Finger bekommen haben. Mit Werkzeugen sei das Repair-Café mittlerweile gut ausgestattet, sagt Erler. Über das Sparkassenprogramm »PS-Sparen und Gewinnen« habe man im vergangenen Jahr Geld für Werkzeuge bekommen. Für Sägen und Zangen, eine Lötstation, auch für Messgeräte. 

Auf jeden Fall sei es sinnvoll, vorher Bescheid zu sagen, welches Gerät man mitbringe, empfiehlt Maria Schmidt vom Verein Kunst-Stoffe, dem Träger des Repair-Cafés Soldiner Kiez. »Dann können unsere Experten Spezialwerkzeug, das wir hier in der Fabrik Osloer Straße nicht haben, von zu Hause mitbringen«, so Schmidt, »oder vielleicht auch schon mal ein Ersatzteil besorgen«. Wird ein neuer Stecker, ein Kabel oder eine Sicherung gebraucht, bittet Kunst-Stoffe um einen Kostenbeitrag. Ansonsten ist die Hilfe zur Selbsthilfe – wie bei den anderen Repair-Cafés auch – grundsätzlich kostenlos. Sie habe den Eindruck, dass in der Stadt wieder mehr repariert werde, sagt Maria Schmidt. Aus finanziellen Gründen, weil sich Kiezbewohner eine teure Reparatur vielfach nicht leisten könnten – und ein neues Gerät erst recht ein Loch ins Portmonee reißt. »Aber auch aus ökologischen Gründen«, denn das Umweltbewusstsein wachse, besonders wenn es darum geht, Müll vermeiden und Ressourcen schonen zu können. Auch die immer zahlreicher werdenden Reparatur-Erklärstücke im Internet hätten zu der Erkenntnis beigetragen, »dass kaputt nicht Müll heißen muss«. 

 

Gemeinsam geht vieles leichter: reparieren statt wegwerfen

 

Das habe ihm auch schon geholfen, sagt Matthias Neumann, der lange beim Repair-Café Soldiner Kiez mitgewirkt hat. Seit September bietet er in der Fabrik Osloer Straße zweimal im Monat Werkstatttreffen an. Unter dem Motto »Alt bleibt Neu« können die Teilnehmer dort Dinge reparieren, »aber auch aus altem Zeugs etwas Neues machen«, erklärt der Maschinenbauer. So seien die LED-Lichter defekter Elektrokleingeräte meist noch intakt, »daraus lassen sich Lampen bauen«. Und wenn bei Laptops die Warnung komme, dass der Akku bald den Geist aufgebe, sei von den drei oder vier hintereinandergeschalteten Lithium-Batterien meist nur eine kaputt. »Mit den anderen lässt sich noch was anfangen – vielleicht einen Kocher bauen.« Das sei ganz der Kreativität der Teilnehmer überlassen. Auf jeden Fall gelte beim Werkstatttreffen ebenso wie bei den Repair-Cafés: »Gemeinsames Wissen ist eine Dimension mehr.« 

Beim ersten Werkstatttermin kam ein Paar, um für seine Tochter ein Tipi zu nähen. »Eine eigene Idee und Stoff haben sie mitgebracht, und ich habe ihnen gezeigt, wie man bei der Nähmaschine das Garn auf die Unterrolle bringt.« Material für derlei ausgefallene Eigenkreationen, aber auch für alle möglichen anderen Do-it-yourself-Bereiche lässt sich übrigens günstig bei der Initiative Kunst-Stoffe besorgen. Im Pankower Lager dieser »Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien« sind ganze Regalreihen mit Holzresten und Bastelzeug, Stoffen und Planen, Papier und Stiften gefüllt. Zu den Lieferanten gehören vor allem Baumärkte und Handwerksfirmen. »Die liefern uns das, was bei ihnen als Restposten oder Verschnitt sonst im Müll landen würde«, erklärt Maria Schmidt. Auch Fehlchargen aus industrieller Produktion ermöglicht Kunst-Stoffe ein zweites Leben. Zudem laden Messeveranstalter haufenweise Stellwände, Aufsteller und Dekomaterial im Kunst-Stoffe-Lager ab, die nach Ausstellungen nicht mehr gebraucht werden. Was die Kunden dafür berappen müssen, hängt vielfach von ihrem Verhandlungsgeschick ab. »Auf jeden Fall liegen unsere Sachen weit unter Ladenpreis«, so Maria Schmidt, »außerdem ist das Lager ein wunderschöner Ort zum Stöbern«.

Lager der Initiative Kunst-Stoffe – Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien e.V.
Berliner Straße 17 in Pankow
Geöffnet Mi.+Fr. 12–18 Uhr und am letzten Sonntag im Monat 15-19 Uhr
lager@kunst-stoffe-berlin.de
oder Tel. 030/34 08 98 40


Text: Katrin Starke
Illustrationen: liravega

Repair-Cafés in GESOBAU-Kiezen

Repair-Café im Lettekiez
Familienzentrum, Letteallee 82/86
Reinickendorf
3. Mi. im Monat 15–18 Uhr, E-Mail:
repaircafe-lettekiez@gmx.de

Repair-Café im Brunnenviertel
Olof-Palme-Zentrum, Demminer Straße 28
Wedding
4. Mo. im Monat 17–20 Uhr, E-Mail:
repaircafe@brunnenviertel.de 

Repair-Café Soldiner Kiez
NachbarschaftsEtage, Osloer Straße 12
Wedding (Alte Werkstatt, EG, 1. Hof)
2. + 4. Do. im Monat, 17–20 Uhr
info@repaircafe-soldiner.de 

Werkstatttreffen »Alt bleibt Neu«
NachbarschaftsEtage, Osloer Straße 12
Wedding (Alte Werkstatt, EG, 1. Hof)
1. + 3. Do. im Monat, 17–20 Uhr, E-Mail:
ibneumann@yahoo.de oder Tel. 03342/20 16 96

Unter der Nummer gibt es Infos zum »Halloween-Nähen« nach mittelalterlichen Motiven, das das Projekt »Alt bleibt Neu« Mitte Oktober 2018 anbietet.

Repair-Café im Stadtteilzentrum Pankow
Schönholzer Straße 10, Pankow
1. Mo. im Monat 17–20 Uhr, E-Mail:
info@stz-pankow.de 

 

 

Von Redaktion,
26.09.2018

Gemeinsam reparieren statt wegwerfen

Die Idee, kaputte Möbel, Elektrogeräte, Kleidung oder Spielzeug bei Kaffee und Kuchen gemeinsam zu reparieren, stammt von der niederländischen Journalistin Martine Postma. Das erste Treffen veranstaltete sie im Oktober 2009 in Amsterdam. Mit ihrem Ansatz hatte sie ganz offensichtlich einen Nerv getroffen, denn seither sprießen Repair-Cafés wie Pilze aus dem Boden – auch hierzulande. In Berlin gibt es derzeit rund zwei Dutzend Repair-Cafés. Diese sind auch auf der Website von Martine Postma gelistet: 

www.repaircafe.org/de