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Menschen im Viertel

Aaron Grahovac ist Musiklehrer aus Leidenschaft. Er ist überzeugt, die Schüler sollten erst improvisieren und dann das Spielen nach Noten lernen. An der Bettina-von-Arnim-Schule studiert er mit den Schülern eine Stadtteiloper ein.

Muss man schon gut ­spielen können, um in Ihrem Orchester mitspielen zu können?
Aaron Grahovac: Alle können mitmachen. Auch die Leute, die erst einmal nur einen Ton spielen können. Hier kommen Schüler an die Schule, die können ihr Instrument noch gar nicht gut spielen. Die meisten lernen das ab der 7. Klasse im Rahmen eines Gruppenunterrichts. Ich möchte aber alle mitnehmen. Ich schmeiße keinen aus dem Orchester raus.

Und das funktioniert?
Grahovac: Wir können uns der sogenannten Avantgarde-Musik annähern, über das experimentelle Musikmachen. Das heißt, man kann die Noten spielen, die man gerade kann und die in Klang umwandeln, in irgendeine Tonfolge, die wie ein Pinselstrich auf einem Bild wirkt. Und viele Pinselstriche auf einem Bild ergeben dann eine Art Gestalt, eine Form.

Wie muss man sich das vorstellen?
Grahovac: Wir hatten beispielsweise mal eine Produktion, wo das ganze Orchester, zu dem Zeitpunkt etwa 40 Musiker, Schauspieler auf der Bühne beobachten und dazu einen Klang entwickeln sollten. Und damit die Schüler nicht vergessen, wann was kommt, hab ich ihnen in die Partitur einfach eine Brille gemalt. Und jeder wusste, er soll sich einen Schauspieler aussuchen, den er dann klanglich malt – und das ist passiert.

Was motiviert Sie an Ihrer Arbeit?
Grahovac: Wichtigstes Ziel meiner Arbeit ist, dass die Kinder so schnell wie möglich selbständig werden. Selber etwas gestalten können, ihr Leben gestalten können. Und das bedarf einer entscheidenden Fähigkeit: die Kunst des Improvisierens. Denn ich muss mich in einer ziemlich komplizierten Welt zurechtfinden und sofort immer neue Wege finden können, wenn Sie notwendig werden.

Andere Musiklehrer lehren zunächst die Noten und das Improvisieren kommt später.
Grahovac: Beim Musikmachen ist es so, viele kommen mit sehr festen Ansichten über das Musikmachen. Also, man muss eine Melodie, ein Instrument spielen können, ansonsten geht gar nichts. Das sehe ich anders. Man kann auch mit fast nichts ganz viel machen. Und wenn man sich erst einmal von diesem starren Bild befreit, dann kommt man ganz schnell zum Musikmachen. Das Starre kann später wieder dazukommen. Also bestimmte Regeln, Skalen, die man im Jazz studieren muss, Kadenzen, die jeder Kirchenmusiker, jeder Jazzer, jeder Klassiker, beherrschen muss. Aber damit geht man viel entspannter um, wenn man weiß, dass dahinter steht: freier Umgang.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Grahovac:  Ich erinnere mich, wie ich als Kind im Kirchenchor das Weihnachtsoratorium gesungen habe. Das war ein besonderes Erlebnis, weil ich Bach das erste Mal richtig bewusst empfunden hab. Ich hab während des Weihnachtsoratoriums die ganze Zeit Gänsehaut gehabt. Später erst habe ich Bach als eine ganz klare Musiksprache für mich entdeckt, die in sich eine mathematische Logik birgt. Töne lösen sich genau dorthin auf, wo sie hinmüssen, ein Ton strebt und will nur dahin und dann ergibt sich eine Folge von Logik – wie in der Sprache auch.

Welches Instrument spielen Sie eigentlich selbst?
Grahovac:  Ich spiele hauptsächlich Schlaginstrumente und Tasteninstrumente, habe allerdings auch ein paar spezielle Saiteninstrumente, wie die Sitar, ein indisches Saiteninstrument, das ich während meines Studiums kennengelernt habe. Ich brauch zum Musikmachen ganz viele Instrumente. Sie faszinieren mich. Was da so alles gebaut wird, mit dem man Klänge erzeugen kann.

Wollten Sie schon immer Musiklehrer werden?
Grahovac:  Ich hab mich zum Musikstudium entschlossen, nachdem ich allerdings erst Physik studiert habe, denn mein ursprünglicher Plan war, Astronom zu werden. Musik wollte ich zuerst nicht zu meinem Beruf machen. Ich hatte eine Klavierlehrerin, die mir immer gesagt hat, »Sei vorsichtig, wenn du Musik studierst, irgendwann hast du vielleicht gar keine Lust mehr irgendetwas zu hören oder mit Musik zu tun zu haben«. Aber ich mache das jetzt seit 20 Jahren.

Ihr neuestes Projekt ist eine Stadtteiloper. Wie ist es dazu gekommen?
Grahovac:  Die Stadtteiloper wird ein großes Gesamtkunstwerk. Die Idee kam in einer Projektwoche. Einerseits basiert das auf einer Tradition bei uns, der sogenannte Musiktheater-AG, die sich im Laufe von 20 Jahren durch die Zusammenarbeit mit den Theaterleuten, mit den Kunstleuten entwickelt hat. Andererseits kooperieren wir noch mit anderen Schulen. Die Herausforderung für die Jugendlichen ist, dass sie mehr Zeit als sonst investieren müssen, auch abstrakter denken müssen –
denn wir haben ein technisches Problem: Wir können nicht alle in einem Raum üben.

Worum geht es in der Stadtteiloper?
Grahovac: Wir wollen die besonderen Charaktere des Märkischen Viertels in diese Stadteiloper hineinarbeiten. Wir haben eine Schülerin gefunden, die jetzt schon Abitur gemacht hat, die im Leistungskurs Lust hatte, ein Libretto zu schreiben. Sie hat einfach eine Familiengeschichte über eine Familie »Meyer-Schulz«, also eine fiktive Familie, konzipiert. Diese lebt hier in einem Hochhaus, im 16. Stock und erlebt da bestimmte Dinge. Die Aufführungen sind Mitte Juni im Atrium.

 

Interview und Foto: 2470 Media
Von lando,
14.04.2015

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