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Nicht nur für die BVG

Der Charlottenburger Ortsteil Westend ist als Villenkolonie bekannt. Doch in der Nähe des Kaiserdamms gibt es auch attraktive Mietwohnungen, die seit Kurzem zum Bestand der GESOBAU Wohnen gehören.

Seit 1980 wohnt Rainer Ermerling in der Knobelsdorffstraße, und noch immer ist er begeistert von seiner originell geschnittenen Zwei-Zimmer-Wohnung in der sechsten Etage mit den überraschend hohen Decken. »Nachts kann man über das hell erleuchtete Berlin gucken«, sagt der Rentner, der früher bei der BVG für die Berufsausbildung zuständig war. Nun ja, die Fenster seien altbautypisch nicht ganz dicht – aber sonst fühle er sich sehr wohl hier.

Dass Ermerling bei der BVG beschäftigt war, ist kein Zufall. Denn die Wohnanlage im Karree zwischen Königin-Elisabeth-, Knobelsdorff-, Soor- und Fredericiastraße war ursprünglich Mitarbeitern der Berliner Verkehrsbetriebe vorbehalten. Errichtet wurden die 393 Wohnungen in Westend zwischen 1928 und 1930 nach Plänen der Architekten Jean Krämer und Otto Rudolf Salvisberg. Im Inneren des Karrees befand sich ein Straßenbahnbetriebshof – die Mitarbeiter sollten einen möglichst kurzen Arbeitsweg haben.Der Straßenbahnbetrieb in Charlottenburg ist schon lange eingestellt, und das einstige Tramdepot gehört nicht mehr der BVG, sondern einem privaten Investor. Darin untergebracht sind jetzt ein Supermarkt, ein großer Fahrradhändler und kleine Gewerbebetriebe. Auch die Wohnungen sind nicht mehr im Eigentum der BVG: 2005 wurde die Wohnungsbaugesellschaft der BVG an ein Privatunternehmen verkauft, das sie dann 2011 an die GESOBAU und die ebenfalls landeseigene degewo veräußerte (S. 26/27). Seit 2014 gehört die Wohnanlage in Westend zur GESOBAU Wohnen GmbH & Co. KG, einer Beteiligungsgesellschaft der GESOBAU.

Bereits seit 1998 dürfen auch Nicht-BVG-Mitarbeiter hier einziehen, erzählt Christian Kluge, der die Wohnanlage seit 1997 für die wechselnden Eigentümer betreut. »Trotzdem ist die Anlage wegen der Symbiose mit der BVG etwas Spezielles«, sagt er. »Man wohnt hier nicht so anonym. Die langjährigen Mieter kennen sich und helfen einander.« Das merkt man beim Rundgang mit Christian Kluge: Bald wird er angesprochen von Uwe Tiege, Busfahrer bei der BVG und Mieter seit 1987. »Es wohnt sich gut hier«, findet Tiege – obwohl er anfügt, dass das Umfeld früher angenehmer und nicht so laut gewesen sei. Dem wiederum widerspricht Mieter Ermerling: Die »Quietscherei der Straßenbahnen« im Hof sei viel störender gewesen als der seither stärker gewordene Autoverkehr.

Dass Ermerling den beeindruckenden Blick auf die Stadt genießen kann, ist auf die städtebauliche Situation an der Ecke Königin-Elisabeth-Straße/Knobelsdorffstraße zurückzuführen: Hier schufen die Architekten eine Torsituation, indem sie zwei achtgeschossige Turmbauten errichteten. Der nördliche gehört zu einer Wohnanlage, die bis heute im Eigentum der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 ist. Ermerling wohnt im südlichen Kopfbau. Dieser wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut, nachdem das ursprüngliche Bauwerk einer Bombe zum Opfer gefallen war.

Reizvoll sind aber auch die Wohnhäuser an der Soorstraße, deren Hof geradezu idyllisch wirkt – und dies, obwohl der viel befahrene Kaiserdamm nur wenige Meter entfernt ist. Ein besonderes Haus steht an der Ecke der Soorstraße zur Fredericiastraße: »Hier gibt es sehr große Wohnungen mit teilweise 180 Quadratmetern«, berichtet Kluge. In diesem Gebäude mit seinem repräsentativen Treppenhaus wohnten einst Führungskräfte der Verkehrsbetriebe.

Geht man von hier aus Richtung Westen, wird das Bild noch repräsentativer: Angelegt wurde Westend nämlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Villenkolonie. Entsprechend prunk-voll sind die Wohnhäuser, deren Komfort schon immer auch Prominente zu schätzen wussten. In der Hölderlinstraße 11 zum Beispiel wohnten in der Zwischenkriegszeit zur selben Zeit zwei berühmte Persönlichkeiten: der Fotograf Erich Salomon sowie die Schauspielerin und Schriftstellerin Lilli Palmer.

Bescheidener sind die Wohnungen in den meisten Häusern der GESOBAU-Wohnanlage. Sie umfassen in der Regel zweieinhalb Zimmer und 65 bis 70 Quadratmeter Wohnfläche. »Die Nachfrage ist groß«, berichtet Kluge. Weil aber wegen des Alters der Bewohner immer wieder Wohnungen frei würden, hätten Interessenten durchaus die Chance, nach nicht allzu langer Zeit eine Wohnung zu erhalten.

 

Fotos: Christoph Schieder, Text: Christian Hunziker
Von Gesobau,
18.06.2015