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Im Kiez

Hochhäuser und grüne Inseln

Okitonga und Djamba Memba wuchsen im Märkischen Viertel auf. Beim Spaziergang durch ihren Kiez zeigen uns die Brüder die wichtigsten Orte ihrer Jugend

Okitonga Memba legt den Kopf in den Nacken. „Dort oben im siebten Stock rief meine Mutter immer aus dem Küchenfenster, wenn wir zum Essen kommen sollten“, erinnert sich der 34-Jährige, den seine Freunde nur Oki nennen. Die Eltern kamen Anfang der 80er-Jahre aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland und hatten hier, in der Finsterwalder Straße 7, ihre erste Wohnung im Märkischen Viertel: in einem Hochhaus zwischen Einfamilienhäusern auf der einen und Kleingärten auf der anderen Seite. Mit Bolzplatz direkt vor der Tür. Dort verbrachten Okitonga Memba und seine vier Brüder einen Großteil ihrer Kindheit.

Das Leben im Märkischen Viertel war für die Kinder ein großer Spaß. Es gab immer andere, mit denen sie Fußball spielen konnten, ein bunter Mix an Nationen und sozialen Hintergründen. „Die Gemeinschaft in unserem Haus war einfach wunderbar“, schwärmt Okitongas vier Jahre älterer Bruder Djamba.

Er erinnert sich an Silvesterpartys, bei denen ein langer Tapetentisch in den Hausflur gestellt wurde und alle Nachbar*innen etwas zu essen mitbrachten. Wenn der einzige Fahrstuhl im Haus kaputt war, half man sich beim Hochtragen der Einkäufe.

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Doch ohne Konflikte lief das Zusammenleben im Märkischen Viertel auch nicht ab. „Wir waren die erste schwarze Familie im Kiez“, erinnert sich Okitonga Memba. „Mit den meisten Nachbarn gab es keine Probleme, aber es gab auch rechte Gruppen, die uns wegen unserer Hautfarbe beleidigten. Das tat weh. Aber wir lernten, damit umzugehen.“

Mehr Platz als in der Innenstadt

Entlang des viel befahrenen Wilhelmsruher Damm führt der Weg an der sogenannten Papageiensiedlung vorbei. Sie trägt ihren Namen wegen der bunten Häuserfassaden. Hier lebt Okitongas Bruder Djamba mit seiner Freundin und zwei Kindern. „In der Innenstadt ist es mir zu eng“, sagt er. „Hier gibt es viel Grün und alles, was man braucht.“ Zum Beispiel einen richtig guten Döner-Imbiss. Am Märkischen Zentrum stehen die Kund*innen vor dem „Pia Bistro“ Schlange. Okitonga Memba bestellt Falafel – der junge Vater will gesünder leben und ernährt sich seit einigen Monaten vegetarisch.

Eine enge Passage führt direkt zum Fontane-Haus. Davor sprudelt der Fontanebogen, ein massiver Bronzebrunnen. Das Veranstaltungshaus mit dem abwechslungsreichen Kulturprogramm ist weit über die Grenzen des Märkischen Viertels bekannt. Okitonga erinnert sich an eine Dinosaurierausstellung, die er dort als Kind besucht hat. Westlich davon beginnt der grüne Teil des MV, wie das Märkische Viertel von vielen Bewohner*innen abgekürzt wird.

Auf dem Weg dorthin, vor dem Sportjugendclub Reinickendorf, treffen Okitonga und Djamba Memba zufällig den Sozialarbeiter Jons Jakstat. Die Wiedersehensfreude auf beiden Seiten ist groß. Erinnerungen an Basketballspiele und gemeinsame Bekannte werden ausgetauscht. „Die Sportangebote unseres offenen Jugendclubs sind eine Möglichkeit, die Kids von der Straße zu holen“, erzählt Jons Jakstat. Jugendliche können sich im Tischtennis messen oder Fußball spielen. Dafür arbeitet der Jugendsportclub auch mit dem Kiezverein MSV Normannia 08 nebenan zusammen.

Sport als Ventil

Vorbei an der Trainingsanlage der Baseballmannschaft Berlin Flamingos geht es weiter zum Seggeluchbecken, einem Teich mit einer Wasserfontäne in der Mitte. Schwäne ziehen ihre Runden. Mitten im Märkischen Viertel kommt Kurortidylle auf. Am Senftenberger Ring entlang führt der Weg zum Bolzplatz an der Calauer Straße. 

Dort kickten samstags bis zu 40 Kinder und Jugendliche. Sie kamen aus ganz Berlin, um die Fußballer*innen aus dem Märkischen Viertel herauszufordern. „Teilweise begannen hier Profikarrieren“, erinnert sich Okitonga Memba. In der wenige hundert Meter entfernten Turnhalle der Chamisso-Grundschule lernte er das Boxen. Rückblickend war der Sport für ihn ein wichtiges Ventil, um Aggressionen und Frust loszuwerden. Etwa über soziale Ungleichheiten, die er im Viertel spürte, oder bürokratische Hindernisse.

Für die Familie Memba spielte Bildung immer eine wichtige Rolle. „Um Punkt 18 Uhr wurden die Hausaufgaben gemacht, da kannten unsere Eltern kein Pardon“, sagt Okitonga Memba. Als Erster in seiner Familie schaffte er das Abitur. Seine jüngeren Brüder folgten seinem Beispiel. 

Als Okitonga auch den Bachelorabschluss in der Tasche hatte, zog er aus dem Märkischen Viertel nach Charlottenburg. Dass ihm seine Wurzeln immer noch wichtig sind, zeigt das Logo seiner Firma. Schild und Speer stehen darin für seine afrikanischen Wurzeln, die Umrisse der Türme des Märkischen Viertels für den Ort, an dem er eine glückliche Kindheit erlebte.


Aufmacherfoto: Verena Brüning; Autorin: Judith Jenner


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