Im Kiez

Im Kiez

Hier spielt die Musik

In der Weddinger Buttmannstraße stellen Klaus Erforth und seine Mitstreiter ein Kinder- und Jugendorchester auf die Beine. Mitspielen dürfen alle. Einzige Voraussetzung: Wer dabei sein will, muss auch dabeibleiben wollen

Wir treffen Klaus Erforth in der Weddinger Buttmannstraße, im Nachbarschaftsladen „Initiative Buttmann 16“. Er trägt eine Zimmermannshose, darüber einen Kapuzenpulli und auf dem Kopf eine bunte Strickmütze. Er ist 83 Jahre alt und gehörte in der DDR zu den erfolgreichsten Theaterregisseuren. Bis zur Wende arbeitete er am Deutschen Theater und an anderen Bühnenhäusern. Für seine Arbeit bekam Erforth zahlreiche Preise.

Im Nachbarschaftsladen engagiert sich Erforth für die Belange der Kiezbewohner*innen. Die Menschen, die hierherkommen, haben ihre Wurzeln in Syrien, Bulgarien, Polen, Deutschland, dem Irak oder der Türkei. Manche sind aus Kriegsgebieten geflohen, andere stammen aus Sinti- und Romafamilien. 

Auch Entspannungs­phasen gehören dazu. Der Verein KALIBANI möchte einen Ort schaffen, an dem alle so sein können, wie sie sind
Foto: Valerie Schmidt
Hereinspaziert: Der Nachbarschaftsladen „Initiative Buttmann 16“ stärkt den Zusammenhalt im Kiez. Er kooperiert mit dem Verein GANGWAY
Foto: Valerie Schmidt

Zusammen mit seinen Mitstreitern Hanjo Breddermann und Johannes Vent baut Klaus Erforth gerade ein Kinder- und Jugendorchester auf. Heute sind der 7-jährige Atrejo und der 12-jährige Adrian zur Probe in der Buttmannstraße. „Der Trommler gibt einen Takt vor, nach dem sich die Kinder bewegen sollen“, erzählt Erforth. Sie dürfen dazu hüpfen, hoppeln oder schlendern, ganz egal. Die Kinder treffen hier auf Menschen, die ihnen zeigen, wie man den Rhythmus hält und Klavier, Schlagzeug, Klarinette oder eines der anderen Instrumente spielt. 

Noch wirkt das Ganze ein bisschen ungeordnet und improvisiert. Doch schon im Frühjahr soll der Musikunterricht verbessert werden. Dann lernen die Kinder nicht nur in der Gruppe, sondern erhalten von ehrenamtlichen Lehrer*innen Einzelunterricht. „So können wir die Schüler*innen natürlich noch viel gezielter fördern“, erzählt Johannes Vent. Er ist Lehramtsstudent und einer der künstlerischen Leiter des geplanten Orchesters, dessen Name schon feststeht: „Freies Kiezorchester KALIBANI“. Woher der kommt? Caliban ist eine wilde Figur aus Shakespeares Stück „Der Sturm“, die sich an keine Regeln hält.

Hier im Wedding kümmert sich Klaus Erforth um junge Menschen. Nicht ohne Grund. Als wir zusammensitzen, zeigt er uns ein Schwarz-Weiß-Foto. Darauf sind mehrere Menschen in einem Luftschutzbunker zu sehen, darunter auch ein kleiner Junge – das ist Klaus Erforth. Er erinnert sich noch an den Krieg vor 75 Jahren, als er mit seiner Familie vor den Bomben Schutz suchen musste. Diese Zeit ist lange her, für ihn aber noch immer eine wichtige Mahnung – gerade auch für die jungen Menschen von heute. Er weiß, wohin Rassismus und Intoleranz führen können.

Nachher will er den anderen noch eine CD mit Schlagern jüdischer Künstler*innen aus der Zeit vor dem Krieg vorspielen. „Das hier ist mein Leben, unser Leben“, sagt er über seine Arbeit in der Buttmannstraße. Und genau das strahlt er mit seiner ganzen Persönlichkeit auch aus. „Für Klaus ist Kunst ein Mittel, die Welt zu verbessern, nicht um sich zu profilieren“, sagt Helene Böhm, Leiterin der Abteilung „Soziale Quartiersentwicklung“ bei der GESOBAU. Das Wohnungsunternehmen unterstützt den KALIBANI e. V. seit 2011, in diesem Jahr nun auch das Orchesterprojekt. 

Für Erforth ist der Verein eine weitere Etappe in seiner langjährigen Arbeit mit Menschen, die es in der Gesellschaft nicht immer leicht haben. Dass er sich für sie engagiert, hat auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun. 1976 haben er und seine damalige Lebensgefährtin Gisela Höhne einen Sohn mit Downsyndrom bekommen. Seither engagieren sie sich für die künstlerische Arbeit von Menschen mit und ohne geistige Behinderung. 1990 gründeten die beiden das Theater RambaZamba in der Kulturbrauerei, die heute wichtigste Bühne dieser Art in Deutschland (www.rambazamba-theater.de). 

In seiner langen Erfahrung – als Vater und als Theaterregisseur – liegt auch das Geheimnis seines Erfolges. „Wenn ich mit Schauspieler*innen oder Musiker*innen arbeite, geschieht das immer auf Augenhöhe – egal, ob sie eine Behinderung haben oder nicht“, sagt Erforth. „In meiner Arbeit geht es immer um Selbstbewusstsein und Selbstentfaltung.“

Erforth gehört zu den treibenden Kräften in dem Weddinger Kiez. Ständig organisiert er irgendetwas Neues. 2017 zum Beispiel stellte er ein Straßenfest auf die Beine, bei dem allerdings nicht nur gefeiert wurde. Zusammen mit Kindern und Jugendlichen machte er damals in der Buttmannstraße bei einem Straßenumzug auf die Flüchtlingskrise im Mittelmeer aufmerksam. Enttäuscht darüber, dass sich kaum jemand aus der Nachbarschaft an der Aktion beteiligte, suchte Erforth den Kontakt mit Bekannten des syrischen Kultur- und Sportclubs Salam am Ende der Straße. Heute gestalten sie zusammen interkulturelle Programme und machen gemeinsam Musik.

Die Angebote sprechen sich herum und sind im ganzen Kiez beliebt. Die Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin fördert den KALIBANI e. V. mittlerweile genauso wie der Jugend-Demokratiefonds Berlin. Dem Verein und seinen Förderern liegt am Herzen, dass die Arbeit nicht einfach nur unverbindliche Angebote enthält. So kann man eine Theatergruppe oder ein Orchester nur dann aufbauen, wenn die Jugendlichen auch „am Ball“ bleiben – also nicht nach ein, zwei Besuchen wieder verschwinden. Dauerhaftes Mitmachen ist gefragt. Deshalb soll es bald eine Art Vertrag mit den ­Kindern und ihren Eltern geben, in dem die 
Kinder erklären, dass sie Teil des Projektes sein wollen.

Der Kiez rund um die Buttmannstraße ist ein ruppiges Pflaster. Helene Böhm von der GESOBAU sagt, die Gegend stehe sinnbildlich für die Frage nach dem Gemeinwesen, dem funktionierenden Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Religion oder Kultur. An diesem Dienstag sieht eine – kleine – Antwort darauf so aus: Am Klavier sitzen zwei Jungen. Der eine soll mit einer Hand eine Melodie spielen, der andere mit seiner Melodie darauf „antworten“. Und tatsächlich, es funktioniert. Der 12-jährige Adrian ist offensichtlich inspiriert von der Filmmelodie zu „Die fabelhafte Welt der Amélie“, der 7-jährige Atrejo antwortet mit zarten, dazu passenden Tönen. Lehramtsstudent Johannes Vent sitzt daneben und trommelt leise den Takt dazu. „Es ist so cool, dass ich hier Musik machen kann“, sagt Atrejo. „Es gibt wilde Kinder, denen wir eine Geige in die Hand geben“, sagt Schauspieler und Musiker Hanjo Breddermann, der die Produktionsleitung des Orchesters übernimmt. „Das Instrument hat eine unglaubliche Wirkung: Plötzlich zeigt sich da eine ganz andere Seite ihrer Persönlichkeit.“

„Unsere Arbeit hier hat ja auch ganz viel mit Bildung zu tun“, meint Klaus Erforth. Denn die Musik kommt natürlich nicht von selbst. Selbst Kleinigkeiten können völlig neue Erfahrungen bringen. Das Mundstück der Klarinette etwa muss vor dem Spielen eingesetzt und danach gereinigt und in den Koffer zurückgelegt werden. Solche einfachen Dinge fördern den behutsamen Umgang mit den Instrumenten, aber auch mit anderen Sachen und vor allem miteinander. „Bildung bedeutet auch, aufeinander zu achten“, erzählt er weiter. „Beim gemeinsamen Musizieren müssen die Kinder lernen, sich gegenseitig zuzuhören.“

Für seinen Mitstreiter Hanjo Breddermann ist das „Freie Kiezorchester KALIBANI“ ein „Riesenexperiment“. Eines, das viel Geduld erfordert, vor allem aber auch eines, das „viel Freude macht, wenn sich die Kinder so richtig reinhängen“.

Eines ist jedenfalls schon jetzt gewiss: Das „Freie Kiezorchester KALIBANI“ ist ein ziemlich ungewöhnliches Orchester. Denn nicht alle der musizierenden Kinder können auch Noten lesen – trotzdem dürfen alle mitmachen. Und bei den meisten Stücken sollen die Musizierenden sowieso improvisieren. Und das funktioniert. Klaus Erforth und sein Team aus der Buttmannstraße haben alles im Griff. Wer das selbst erleben möchte: Ende Mai zieht das Orchester mit dem „Karneval der Kulturen“ durch die Stadt.


Text: Katharina Meuffer; Fotos: Valerie Schmidt