Im Kiez

Zwei unvollendete Leben

Die Pankower Edith und Ludwig Samter wurden von den Nationalsozialisten ermordet - zwei Stolpersteine erinnern jetzt an ihr Schicksal

Das Klopfen des Hammers auf Messing geht im Verkehrs­rauschen beinahe unter. Unter den Augen der Mitglieder der Stolper­stein­gruppe Alt-Pankow sowie einiger Anwohner*innen werden in den Gehweg vor dem Eingangs­tor der Mühlen­straße 2, 2a zwei Stolper­steine ein­gelassen. Die kleinen Messing­tafeln würdigen die Leben zweier ehemaliger Bewohner*innen: In den 1920er Jahren hat Edith Samter, damals ein Kind, mit ihrem Bruder Walter und ihrem Halbbruder Ludwig hier gelebt, bis sie 1934 unter Zwang umziehen mussten. Die Geschwister verlebten in dem Mehr­familien­haus eine glückliche Zeit. Heute stehen im Innenhof zwei große Linden, die Schatten spenden. Kinder haben den Boden mit Kreide­bildern verziert.

Die Stolpersteingruppe Alt-Pankow hat die Biografien der Familie Samter recherchiert, ihre Geschichten werden an ihrer letzten freiwillig gewählten Adresse erzählt. Ludwig Samter wird am 3. Januar 1890 als Sohn von Moritz und Ida Samter geboren. Nach dem Tod der Mutter heiratet sein Vater die Wirtschafterin Frieda Hoffmann aus Tuchel. Die Familie Samter ist in Pankow zu Hause; sie wohnt jeweils für ein paar Jahre in der Mühlen­straße 77, Kavalier­straße 1 und der Breite Straße 24. Ab 1912 zieht die Familie dauer­haft in das Mehr­familien­haus in der Mühlen­straße 2. Ihre Wohnung liegt im Hinter­haus, Nummer 2a.

1915 wird Walter geboren, seine Schwester Edith kommt ein Jahr später zur Welt. Ludwig Samter, inzwischen wie sein Vater Kaufmann, unter­stützt seine Halb­geschwister und die Stief­mutter nach dem Tod des Vaters 1926. Dafür zieht er zurück in die Mühlen­straße 2a. 1938 stirbt auch Frieda Hoffmann. Einige Monate nach ihrem Tod verlobt sich der inzwischen 23-jährige Walter Samter mit Ursula Kastan aus Wilmers­dorf. Noch im Oktober des­selben Jahres gelingt ihnen die Flucht nach Argentinien. 

Edith und Ludwig bleiben in Pankow zurück. Sie werden zu Zwangs­arbeit verpflichtet. Ludwig schuftet auf dem Bau. Er wird am 27. November 1941 mit dem 7. Ost­transport zusammen mit 1.052 anderen Jüd*innen nach Riga deportiert und im Zuge einer Massen­erschießung sofort nach der Ankunft in den Wäldern von Rumbula ermordet. 

Edith Samter arbeitet als Löterin bei der AEG. Sie schreibt ihrem Bruder Walter nach Argentinien: 

„…das allerschlimmste ist; daß ich so mutter­seelen alleine leben muß; und es nicht einen Menschen gibt; der mein zu Hause kannte; und mit dem ich mich mal aus­sprechen könnte. Ich wohne seit Mitte Januar in Schöneberg; … und habe ein sehr nettes Zimmer; bei sehr feinen Menschen, in einem gepflegten Haushalt. … Sonst arbeite ich weiter fleißig, abends lese ich mal ein gutes Buch; um ja nicht etwa zum Denken zu kommen.“ 

Im Zuge der „Fabrik-Aktion“ wird Edith Samter am 27. Februar 1943 direkt an ihrem Arbeits­platz abgeholt und zusammen mit 1.721 nur zwei Tage später in die Gaskammern von Auschwitz transportiert.

Walter Samter stirbt 2007 mit 92 Jahren in Buenos Aires. Die Verlegung der Stolper­steine für seine Schwester Edith und seinen Halb­bruder Ludwig beantragte Walters Tochter Claudia Samter. Aufgrund der Corona-Pandemie kann sie bei der offiziellen Ein­weihung der Stolper­steine am 18. September nicht vor Ort sein. Aus Buenos Aires grüßt sie die Gäste mit einem Schreiben: 

„Vor einem Jahr stand ich hier und lernte das Elternhaus meines Vaters Walter Samter kennen. … Meine liebe Tante und Onkel Ludwig durfte ich nicht kennen­lernen. Mein Vater konnte seinen Schmerz über ihren Verlust nie über­winden. Er schaffte es nicht mehr, sie zu retten. Ich höre ihn noch sagen, „Warum ich und nicht sie?“ Und mein Kinder­mund wiederholte jedesmal: „Ich weiß warum, Papi....du musstest mich doch auf die Welt bringen!“ Heute will ich Edith und Ludwig Samter von ganzem Herzen ehren … Sie werden stets in meinem Herzen und dem meiner Familie weiter­leben. Über diese Stolper­steine soll keiner stolpern, doch es soll auch niemand vergessen, warum sie hier sind.“ 


Autorin: Maria Rosenau-Herberg, Fotos: Thomas Rafalzyk