Sie sind jetzt hier:

Home / Ihr Kiez /

»Hier ist die Welt noch in Ordnung«

Nirgendwo ist die Entwicklung von Pankow so deutlich zu spüren wie im Florakiez. Immer mehr Familien zieht es in den Norden der Stadt. »Hallo Nachbar« hat den Kiez besucht, um zu erfahren, was den Ort so begehrt macht.

Jutta Adlung ist Pankow treu geblieben. »Seit 52 Jahren«, sagt sie stolz. Mit verschränkten Armen und einem leichten Lächeln auf den Lippen sitzt die Frau mit den feuerroten Haaren zurückgelehnt in einem alten Holzstuhl in der Bäckerei Gabriel in der Florastraße, vor ihr auf dem Tisch stehen zwei Tassen Kaffee und Gebäck. Eine Freundin aus Spandau ist zu Besuch. Damals, vor knapp 30 Jahren, gingen sie hier noch gemeinsam ein und aus, morgens um 3 Uhr nach der Disco, wenn der Duft nach frisch gebackenen Brötchen in die Nase stieg. Doch neun Monate vor dem Mauerfall entschloss sich ihre Freundin, mit der Familie zu Verwandten über die Grenze nach WestBerlin zu gehen. Jutta Adlung blieb – und wohnt jetzt an einem der begehrtesten Orte Berlins. Sie erzählt vom großen Zusammenhalt in ihrer Hausgemeinschaft. Vom gemeinsamen Lagerfeuer an Weihnachten, von lauschigen Abenden mit der Gitarre. Und von den »Ökos, die wir jetzt haben«.

STÄRKSTER ZUWACHS IN PANKOW

In der Feinbäckerei Gabriel scheint indes die Zeit stehen geblieben zu sein. Abgesehen von der abgehängten Decke kann man im ältesten Geschäft der Florastraße noch die Ersteinrichtung aus dem Jahr 1896 bewundern. Relikte aus einer Zeit, die draußen vor der Tür längst der Vergangenheit angehören. Christa Regge greift hinter sich in ein altes Holzregal, in dem die verschiedenen Brotsorten ordentlich aneinandergereiht liegen. »Mischbrot mit Natursauerteig«, berät Christa Regge ihrer Kundin. »Unsere eigene Mischung.« Auf einem großen Schild vor dem Eingang steht: »Alles eigene Herstellung«. Hier wird also noch selbst gebacken – von der Schrippe bis zum Quarkkeulchen. Darauf legen die Kunden wert, damals wie heute. Und doch hat sich das Klientel grundlegend verändert, weiß Regge: »Der Kiez hat sich verjüngt, ist sehr kinderreich geworden. Viele Ältere mussten wegziehen, das finde ich sehr schade.«

Die Angst vor einem zweiten Prenzlauer Berg oder Friedrichshain ist im Florakiez deutlich zu spüren. Wer hier oben im Norden wohnt, genießt die Ruhe eines Randbezirks, aber auch die Möglichkeit, innerhalb weniger Minuten im Zentrum der Stadt zu sein. Doch mit der Ruhe wird es zunehmend schwieriger, Pankow ist aktuell der am stärksten wachsende Bezirk Berlins. Laut der jüngsten Bevölkerungsprognose erwartet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt bis 2030 für den Bezirk ein Einwohnerplus von 16 Prozent. Besonders die Ortsteile Buch, Weißensee, Heinersdorf und Pankow gewinnen an Zuwachs. Eine Entwicklung, die Christa Regge schwer nachvollziehen kann: »Berlin ist nicht nur Pankow und Deutschland ist nicht nur Berlin«, sagt sie entschlossen, und reicht die nächste Brötchentüte über die Theke.

BEZAHLBARER WOHNRAUM GEGEN VERDRÄNGUNG

Christian Badel bringt die Veränderungen seiner Umgebung zu Papier. Der Zeichner, Illustrator und Kinderbuchautor ist bekannt im Kiez. »Wenn ich mal wieder irgendwo sitze und zeichne, sehen mich die Menschen und sprechen mich an. Diese Offenheit im Florakiez mag ich«, sagt Badel. Durch die vielen Gespräche kennt er die Sorgen der Bewohner gut: »Was viele mehr und mehr kritisch sehen, ist, dass es immer weniger grüne Flächen und bezahlbaren Wohnraum gibt«, erklärt der Familienvater. »Wir brauchen auch noch Raum zum Atmen.« In den vergangenen Jahren seien in Pankow besonders viele Eigentumswohnungen gebaut worden, »die kann sich hier kaum noch jemand leisten«. Umso wichtiger sei es, dass die Häuser von städtischen Wohnungsbaugesellschaften errichtet würden. Den Lückenschluss der GESOBAU in der Florastraße 75 hat er ebenfalls zu Papier gebracht. Bis Dezember 2016 werden auf einer Fläche von 1.324 m² 18 Mietwohnungen entstehen, die mit Nettokaltmieten ab 7,50 €/m² nicht nur dem großen Portemonnaie vorbehalten sind. Ein weiterer Baustart für Mietwohnungen auf einem Gelände im Hinterhof der Florastraße ist für 2017 geplant.

Auch wenn Badel die kritischen Stimmen der Nachbarn nachvollziehen kann, sieht er vor allem das Positive an der Entwicklung: »Dass sich der Kiez verjüngt hat, ist toll. Die Menschen arbeiten in spannenden Berufen, die Vielfalt macht den Florakiez erst lebendig.« Das gesellschaftliche Modell der Überalterung stehe in Pankow Kopf, als Kind der Babyboomer-Generation habe er es selbst nicht anders kennengelernt. »Hier ist die Welt noch in Ordnung«, findet Badel.

NEUES FLAIR IM KIEZ

Als der gebürtige Thüringer vor zwölf Jahren nach Berlin zog, sei die Straße kaum belebt gewesen. Heute findet man in der Florastraße kaum etwas, was es nicht gibt: Restaurants, Bars, Cafés, kulturelle Angebote, Jugendzentrum, Buchläden, Wohnaccessoires, Spielzeugläden, Fahrschule, Fahrradladen – und natürlich auch einen Bioladen. Der »große Bruder« Prenzlauer Berg befindet sich schließlich direkt um die Ecke. Natürlich dürfen in einer Straße, die nach der römischen Göttin der Blumen und der Jugend benannt ist, auch Blumenläden nicht fehlen. Besonders hübsch anzusehen sind die bunten Töpfe und Sträuße im »Floragarten – Ein Stückchen Eden« und in der »Blumenkönigin«, die schon aus der Ferne in das von Altbauten der Gründerzeit und Bauten aus den 30er und 60er Jahren geprägte Straßenbild hineinragen.

Das Café Schönhausen war eines der ersten Orte, die den Kiez damals belebt haben. Bettina Kiefer hat das Café vor acht Monaten übernommen, vor ein paar Jahren, sagt sie, habe man die Gegend gar nicht auf dem Schirm gehabt. Heute ist die temperamentvolle 49-Jährige mit den langen dunklen Locken Inhaberin eines Cafés, das genauso gut im Prenzlauer Berg stehen könnte. Die Eltern schlürfen hier einen Kaffee (oder Latte Macchiato), essen ein Stück selbstgemachten Kuchen und stöbern im »schönhausen Laden« durch Handgemachtes rund um Schwangerschaft, Geburt, Mama und Kind. Im Spielzimmer nebenan kann sich der Nachwuchs unterdessen austoben.

Ein Konzept, das inzwischen auch hier funktioniert, bisweilen aber auch an seine Grenzen stößt. »Eine Kinderbetreuung bieten wir nicht an, die Aufsicht müssen die Eltern selbst übernehmen«, sagt die Betreiberin. Für die Zukunft möchte sie einen weiteren Schwerpunkt neben der Gastronomie auf Veranstaltungen in ihrem Café legen, auf Kurse und Workshops für Kinder und Erwachsene – und auf die Ausweitung der handgemachten Angebote, die für das Team eine weiteres Standbein sind.

Wenige Meter weiter Richtung Wollankstraße, auf der anderen Seite der Straße, treffen wir Wiebke Schleser. Ihr Kinderbuchladen »Der Buchsegler« ist ein weiteres Zeichen für die Verjüngung des Kiezes. Meistens bestellen die Eltern bei der Mecklenburgerin die Bücher, die sie im Internet gesehen haben, um sie dann bei ihr im Laden abzuholen. Aber auch im »Buchsegler« kann man durch eine große Auswahl an Büchern für Kinder jeden Alters stöbern. Und natürlich darf auch hier Handgemachtes nicht fehlen: Große und kleine, bunte und einfarbige Schultüten schmücken in diesen Tagen den Laden. Besonders nachhaltig: Wenn die Einschulung vorbei ist, kann man die Schultüte als Kissen umfunktionieren. »Ich mag es, wenn es bunter wird«, sagt sie. Nicht nur in ihrem Laden, auch im Florakiez, in dem sie seit 2009 wohnt. Durch den Zuzug vieler Familien – und damit neuer Kunden – trifft sie zwar genau die Zielgruppe. »Trotzdem ist die Gentrifizierung spürbar«, räumt sie ein. Viele ältere Kunden hätten aus dem Kiez wegziehen müssen.

BESTEHENDES TRIFFT AUF NEUES

Dass man Altes und Neues auch kombinieren kann, zeigt sich eindrucksvoll in den Heynhöfen. Auf dem Gelände in der Heynstraße 15, einer Nebenstraße der Florastraße, eröffnete der Unternehmer Johann Friedrich Heyn Ende des 19. Jahrhunderts eine Stuhlrohrfabrik. Wenige Häuser weiter ließ er sich ein repräsentatives Wohnhaus erbauen, das samt Mobiliar erhalten geblieben ist und als Ausstellungsstätte des Pankow Museums dient. Heute befindet sich auf dem alten Gewerbehof ein Mix aus Arbeit und Vergnü- gen. Von der erst 2015 eröffneten Bar »Fritz Heyn« gleich vorne an der Straße kann man einen Blick in die Werkstätten werfen und Künstlern, Handwerkern, Designern und Marketingfachleuten bei der Arbeit zusehen. Insgesamt elf Firmen sind auf den Höfen ansässig, der älteste Betrieb ist der Zentrale Theaterdienst. Produktionsfirmen für Film und Theater lassen hier ihre Stoffe einfärben und Kostüme reinigen. In den Heynstudios hinten im Hof finden Foto-, Video- und Tonaufnahmen statt. Von der Straße kann man in eine Motorradwerkstatt gucken.

Geschichte findet man übrigens noch an anderen Orten im Florakiez. Wo sich heute der »Pocketpark« mit überdimensionierten Mosaikmöbeln befindet, stand einst ein Gründerzeitgebäude, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Anstatt es wieder aufzubauen, entschied sich der Bezirk 2005 dafür, den Grundriss des damaligen Hauses von Künstlern nachempfinden zu lassen. Setzt man sich in den großen Ohrensessel, hat man einen direkten Blick auf die »Bar« gegen- über. Auch dieser Laden ist neu dazugekommen. »Ein wundervoller Ort«, findet Christian Badel. »Die Bar ist mit dunklen Möbeln eingerichtet. Es gibt Zigarren und Whisky.« Einzig das Klientel fehle noch ein wenig. »Aber das wird sich auch noch rumsprechen, da bin ich sicher.«


Florakiez to go
Die Zeichnungen von Christian Badel gibt es unter kikifax.com oder hier in der Florastraße als Postkarten zu kaufen:

  • Der Buchsegler
  • Pankerad
  • Café Schönhausen
  • Foto-Studio, Berlin

Text: Susanne Stöcker

Fotos: Christoph Schieder

Von Susanne Stöcker,
27.09.2016

Wohnen im Florakiez

Sie interessieren sich für eine Wohnung im Florakiez? Dann nehmen Sie Kontakt zu uns auf:

Vermietungsbüro Pankow
030.4073-2370
mieten-pankow@gesobau.de
www.gesobaut.de