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Große Kunst gibt es nicht nur im Museum

Eine neue virtuelle Karte hilft, Berliner Wandgemälde zu entdecken. Mit der »Streetart Map Berlin« auf den Spuren von Weltraumfahrern und Weltbäumen – auch in den GESOBAU-Kiezen im Berliner Norden.

Ein weißes Pferd in einem überfluteten Palast. Bis zum Bauch steht das Tier im Wasser. Vor einem geöffneten Fenster. Das Licht der sinkenden Sonne, das in den Raum fällt, spiegelt sich auf dem Wasser. Weiße Tauben kommen hereingeflogen. Das Pferd schaut über die rechte Schulter, blickt den Betrachter eindringlich an. – Jeden Tag kommt Lina Korb an diesem Wandgemälde des südafrikanischen Künstlers Ricky Lee Gordon vorbei, wenn sie ihr Kind in die Kita bringt. »Das ist total auffällig, obwohl sich davor ein Schnellrestaurant befindet«, erzählt die 31-Jährige. »Einfach, weil es so riesig ist.«

»Die Sonne wird im Ozean versinken« von Ricky Lee Gordon in der Landsberger Allee.

Lina Korb interessiert sich seit Jahren für Streetart, kennt unzählige der Murals, die Berliner Hauswände zieren. Doch dieses Gemälde an der linken Hauswand des Mehrstöckers an der Landsberger Allee 121 ist ihr absoluter Favorit – und zugleich eines von 46 Murals, die in der neuen »Streetart Map Berlin« verzeichnet sind. Lina Korb ist die Ideengeberin für diese virtuelle Karte. Umgesetzt hat sie das Projekt gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Onlinemagazin NeoAvantgarde, das sich mit Themen der digitalen Kunst und Kultur beschäftigt. »Unser Fokus ist Berlin«, sagt die Redakteurin. Da habe das Projekt nahe gelegen, »Berlin ist ja inzwischen die Hauptstadt der Streetart«. Aber erst als sich mit dem im Märkischen Viertel ansässigen Onlinemodehändler DefShop ein Partner fand, der seine Homepage für die Karte zur Verfügung stellte, konnte die Streetart Map Wirklichkeit werden.

»Wir haben im Team überlegt, welche Murals wir kennen. Einer hatte auf dem Teufelsberg etwas entdeckt, ein anderer Kollege ist viel in Tegel unterwegs«, erzählt die 31-Jährige. Angereichert haben die jungen Leute die subjektive Auswahl ihrer Lieblings-Murals dann noch mit Wandbildern, auf die sie bei ihrer Google-Suche im Netz stießen. »Herausgekommen ist eine Mischung aus alt bekannten Klassikern, die man gesehen haben muss, und Fassadenkunst, die nicht in aller Munde, aber dennoch sehenswert sind.« Zu jedem der 46 Wandgemälde, für die sich die Gruppe letztlich entschied, sind Informationen auf der Karte hinterlegt, die auf der Netzspinne der Berliner U- und S-Bahn-Linien basiert. Und zu jedem Kunstwerk gibt’s ein Foto. »Dafür haben wir unsere Praktikantin kreuz und quer durch die Stadt gescheucht«, verrät Lina.

»Well done Steak-Art« von Die Dixons in der Bernauer Straße.

»Klar kannst du auch auf eigene Faust losziehen, um Streetart in der Stadt zu entdecken – so habe ich das mal bei einem Kurztrip nach Athen gemacht«, sagt die 31-Jährige. »Aber die Karte hilft dabei, möglichst viele Wandbilder innerhalb kurzer Zeit aufzuspüren.« Und weil vermutlich niemand Lust hat auf komplizierte Anfahrtwege, haben die kreativen Köpfe vier Routen zusammengestellt: die U1-Route von West nach Ost, die U8-Route von Nord nach Süd, die Stadtbahn-Route quer durch Berlin und die Tegel-Route. Das Besondere: Die Murals entlang jeder Route lassen sich jeweils mit einer einzigen U- oder S-Bahnlinie erreichen. Gleich 14 Wandbilder schmücken Hauswände entlang der U1 zwischen Ku’damm und Ostkreuz. Elf Bilder sind es auf der U8-Route. Zum Beispiel das wandfüllende Mural am Haus Bernauer Straße 111, direkt vis-à-vis der Gedenkstätte Berliner Mauer: ein Gemälde eines marmorierten Stückes Fleisch, das sich scheibchenweise von der Hauswand löst. Mit einem Klick auf die Streetart Map erfährt man, dass es »Well done Steak-Art« heißt, von Marcus Haas entworfen wurde und die Trennung Berlins bis 1989 »und die damit verbundene Verletzung von Leib und Seele« symbolisieren soll.

Nicht das einzige Wandbild im Wedding. Der portugiesische Künstler Victor Ash hat sich an der Hauswand des Mehrstöckers an der Lynarstraße 1 verewigt, gegenüber dem S- und U-Bahnhof Wedding hinter einer Tankstelle. Es zeigt drei Jugendliche, die in einem Baum sitzen – und so heißt es denn auch: Tree Children. »Ash ist bekannt für seinen schwarz-weißen Schablonenstil«, erfährt man per Mausklick. Und bekommt zugleich die Info, wo das berühmteste Wandbild des Portugiesen zu bestaunen ist: in Kreuzberg. Unweit der ehemaligen Grenze zwischen amerikanischem und sowjetischem Sektor symbolisiert der »Astronaut Cosmonaut« den russisch-amerikanischen Raumfahrt-Wettlauf während des Kalten Krieges. Doch der Abstecher nach Kreuzberg steht erst bei der U1-Tour auf dem Programm. Zunächst geht es weiter mit der U6 in Richtung Tegel, denn in der Neheimer Straße in Tegel-Süd gibt es gleich ein halbes Dutzend Murals zu bestaunen.

»Giant Starling« von Super A und Collin van der Sluijs am Kamener Weg in Tegel.

Die Niederländer Collin van der Slujis und Super A haben dort eine Hauswand mit einem Vogel verziert. Während der gigantische Star in der Nachbarschaft gut ankommt, sind die Anwohner noch immer geteilter Meinung, was das 40 Meter hohe Fassadenbild des Spaniers Borondo angeht: Es zeigt ein Mädchen in blutiger Kleidung, das einen mit Pfeilen durchbohrten Menschen im Wald beobachtet – und kann als Statement gegen Flucht und Vertreibung gedeutet werden. Hoffnungsvoller dagegen der »Circle of Life« nur wenige Häuser weiter, in dem Fintan Magee den Neuanfang nach einem Krieg thematisiert – mit satt grünen Pflanzen, die sich um eine Frau mit Baby und einen Mann winden. Von Blumen umrankt sind auch die beiden Köpfe, die der italienische Streetart-Künstler Pixel Pancho auf die Fassade des Neubaus in der Neheimer Straße 13 gepinselt hat.

»The Circle Of Life« von Fintan Magee in der Neheimer Straße in Tegel.

Neben internationalen Streetart-Künstlern haben natürlich auch Berliner Szenegrößen Hauswände zu ihrer Leinwand gemacht. Wie Baumkünstler Ben Wargin. Sein »Weltbaum« gilt als das älteste Mural der Stadt. 1975 hat er es erstmals auf eine Brandmauer in Siegmunds Hof in der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten gepinselt. Doch zuletzt war er ziemlich verwittert, Sprayer hatten es teils mit Graffiti übersprüht. Als dann auch noch mit dem Bau eines Bürogebäudes auf dem direkt benachbarten Grundstück begonnen wurde, war das letzte Stündlein des Kunstwerks besiegelt. Doch auch wenn es heißt, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen kann: Wargins Weltbaum hat an anderem Ort neue Wurzeln geschlagen – und kann nun an der Seitenfront des Hauses in der Lehrter Straße 27-30 bewundert werden.

»Das ist ja gerade das Tolle an Streetart«, sagt Lina Korb, »dass jeder, der sich dafür interessiert, die Kunst auf sich wirken lassen kann, ohne dafür Eintritt zahlen zu müssen«. Warum übrigens das Pferd im überfluteten Palast ihr Lieblingsbild ist: »Weil es den Widerstand der Natur gegen die Zerstörung zeigt und damit Hoffnung ausdrückt«.

Die virtuelle Karte gibt es hier:
www.def-shop.com/streetart-map

 


Text: Katrin Starke

Von Redaktion,
08.11.2018

Kunst auf der Straße

Streetart
bezeichnet alle Formen von urbaner Kunst im öffentlichen Raum, also die unterschiedlichsten Stilrichtungen und Techniken. Der Begriff etablierte sich etwa ab dem Jahr 2005.

Murals
sind aufwendig gestaltete Wandbilder, die Streetart-Künstler großflächig meist über ganze Fassaden von Häusern malen. Häufig sind es Auftragsarbeiten.

Graffiti
bezeichnet dagegen eher Schriftzüge oder Zeichen, die – zumeist unter Pseudonym und vielfach illegal – auf Hauswände oder Brandmauern gemalt werden. Oft werden Graffiti aufgesprayt.