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Große Filme in kleinen Kinos

Im Winter ist Berlin im Filmfieber: Vom 7. bis 17. Februar lockt die Berlinale lokale Cineasten und internationale Filmstars in die Festivalkinos. Doch auch vor Ihrer Haustür können Sie an schmuddeligen Abenden in traditionsreichen Kiezkinos in ganz großen Gefühlen versinken.

Im Blauen Stern ein blaues Wunder erleben: Das einzige Filmtheater Pankows hat eine fast 90-jährige Tradition.

 

Vom Tanzsaal zum Lichtspielhaus:
Das Kino »Blauer Stern« in Pankow

Als sich die Sitzreihen unterm Sternenhimmel im Saal 1 füllen, machen es sich nicht nur die Bewohner aus dem Kiez rings um den Pankower Ortskern in den Kinosesseln gemütlich: Viele sind aus Reinickendorf gekommen, andere aus Schildow oder Bernau. »Aus dem ganzen Berliner Norden und dem Umland kommen Filmfans zu uns«, sagt Katja Schubert von der Yorck-Kinogruppe, die das beliebte Kiezkino seit Mai 2018 betreibt. »Arthouse-Kinos sind hier in der Umgebung rar gesät.«

1870 als Tanzsaal eines Ausflugslokals erbaut, wurden im Blauen Stern schon um 1917 bei Varietéveranstaltungen Kinofilme gezeigt. In den 1930er-Jahren wurde der Tanzsaal zu einem Kino mit Bühne umgebaut – der Startschuss für die »Bismarck-Lichtspiele«. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kino als Filmtheater »Blauer Stern« wieder in Betrieb genommen. 1987 war Schluss, geschlossen wegen Baufälligkeit. Uwe Feld übernahm das Kino 1996 als Ruine. Der Cineast holte aus dem Jugendstil-Baubestand das Bestmögliche heraus, richtete einen zweiten Saal ein. 2018 zog sich der langjährige Betreiber aus dem Kinogeschäft zurück. »Wir führen das bewährte Konzept mit synchronisierten Arthouse-Filmen und breitem Kinderfilmangebot weiter«, so Schubert. Neu sind die Wochenend-Matineen am Sonntagvormittag – mit Filmen, die schon länger im regulären Programm laufen, und Dokumentarstreifen. »Demnächst werden wir den Vorraum noch etwas gemütlicher gestalten«, verrät Katja Schubert, »um Lust zu machen, nach dem Film noch auf ein Glas Wein zu bleiben«.

Blauer Stern, Hermann-Hesse-Straße 11, Pankow, Tel.: 030/47 61 18 98
www.yorck.de

 

Erst Bäckerei, dann Jugendklub, nach der Wende Kulturzentrum: Die Brotfabrik ist mit Kino, Kneipe, Galerie und Theater eine Institution in Weißensee.

 

Wo sich Nostalgie und Subkultur treffen:
Off-Kino in der Brotfabrik in Weißensee

An die Anfänge des Brotfabrik-Kinos 1991 kann sich Claus Löser gut erinnern. Der 56-Jährige studierte zu der Zeit Filmwissenschaften in Babelsberg. Als der frühere Jugendklub zum »Jugend- und Kulturzentrum Brotfabrik« umstrukturiert wurde, holte der Betreiberverein »Glashaus« ihn als Kurator fürs Kinoprogramm nach Weißensee. »Wir hatten alle noch keine Erfahrung mit dem Kinobetrieb im freien Markt, in der DDR war das monopolisiert.« Nun die Filme zeigen zu können, die ihn selbst interessierten, reizte Löser.

 

Kurator, Autor, Filmhistoriker und Fachjournalist: Claus Löser prägt bereits seit 1991 das kluge und oft politische Programm des Kinos.

 

»Wir haben bei Kollegen im Westteil der Stadt geguckt, wie Kino gemacht wird.« Schnell sei klar gewesen, dass man sich an der dortigen Off-Kino-Szene orientieren wolle. »Die Mischung aus Independent-Filmen und historischen Streifen, der leicht subkulturelle Anstrich«, das mache bis heute das Brotfabrik-Kino aus. Fast immer laufen internationale Filme im Original mit Untertiteln.

»Einmal im Monat zeigen wir noch analoge 16- oder 35-Millimeter-Kopien, die wir von Sammlern holen, teils aus dem Ausland«, sagt Löser. Der Austausch über Filme ist ihm wichtig. »Bei unseren Regiegesprächen kann man die Leute treffen, die unmittelbar mit dem Film zu tun haben. Der direkte Kontakt zwischen Publikum und Filmemachern ist unser Standortvorteil.« Überhaupt sei das Kino nicht nur Filmtheater, sondern sozialer Raum. »Bei unseren nur knapp 60 Plätzen ist die Atmosphäre fast intim.« Viele Besucher sind Stammgäste aus dem Kiez. »Die Berliner neigen ja dazu, in ihren Kiezen zu bleiben«, sagt Löser. Neuberliner dagegen seien meist (noch) flexibel. »Die kommen von überall her zu uns ins Kino.«

Kino in der Brotfabrik Berlin, Caligariplatz 1, Weißensee, Tel.: 030/471 40 01
www.brotfabrik-berlin.de

 

 

Originalfassungen und Nachkriegsgeschichte:
Das City Kino Wedding im ehemaligen französischen Kulturzentrum

Zu ihrem Kino sei sie gekommen »wie die Jungfrau zum Kind«, sagt Anne Lakeberg. Das ist jetzt vier Jahre her. Die 35-Jährige, die schon als Studentin in Bielefeld im Kino jobbte und später bei einem Filmverleih arbeitete, absolvierte damals gerade eine Weiterbildung zur Filmtheatermanagerin. Dass das Kino im Centre Français, dem von den französischen Alliierten Ende der 1950er-Jahre erbauten Kulturzentrum im Wedding, zu dem Zeitpunkt nach siebenjährigem Leerstand zur Vermietung stand, spielte ihr in die Hände.

 

Retroträume: Das ehemalige Kulturzentrum der französischen Alliierten in West-Berlin von 1961 steht komplett unter Denkmalschutz. Seit vier Jahren gibt es hier wieder exquisite Filme zu sehen.

 

Lakeberg wohnte da bereits ein paar Jahre im Wedding, wusste, dass es in der Umgebung weit und breit kein Programmkino gab. Wiebke Thomsen, die im Wuppertaler Kinoleiter-Seminar mit Lakeberg die Schulbank drückte, musste sie nicht lange überreden. »Wenn du das mietest, mache ich mit«, sagte ihr die in Hannover lebende Thomsen. Mittlerweile betreiben die beiden Frauen das City Kino Wedding seit 2014, bieten im denkmalgeschützten Lichtspielhaus einen Programm-Mix für junge Leute ebenso wie für Ältere, zeigen Klassiker ebenso wie Dokumentarfilme. Das Gros aber sind aktuelle Streifen, die sie zum deutschlandweiten Filmstart in den Wedding holen. »Bei uns soll man mal träumen, mal diskutieren«, sagt Anne Lakeberg. Der Wedding sei jünger geworden, so die Kinoleiterin. Viele Studenten würden heute im einstigen Arbeiterkiez leben. Dem trägt sie Rechnung – mit Filmen in Originalfassung. In Englisch, Französisch, auch mal Norwegisch. Gezeigt werden die aber erst um 21 Uhr, »weil junge Leute meist spät auf der Piste sind«.

City Kino Wedding, Müllerstraße 74, Wedding, Tel.: 0152/59 68 79 21
www.citykinowedding.de

 

Kino ist ihr Leben: Als Studentin jobbte Iris Praefke als Vorführerin, seit diesem Jahr ist das Kino Toni das dritte Berliner Lichtspielhaus, das sie mit Geschäftspartner Wulf Sörgel betreibt.

 

Zur Oper ins Kino:
Das Kino Toni in Weißensee

»Alle Hunde in den Saal«, sagt der Mann am Eingang des großen Kinosaals. Wörtlich ist diese Einladung natürlich nicht zu nehmen: Der Einlass für den neuen Detlev-Buck-Streifen »Wuff« hat begonnen. Ein Film für die ganze Familie. Man gewinne gerade das »Mittel-Alter« wieder fürs Kino zurück, sagt Iris Praefke. »Streaming und DVD zum Trotz«, betont die 39-Jährige, die das »Toni« seit Anfang 2018 zusammen mit Wulf Sörgel betreibt. Kinder kämen sowieso. Rentner ebenso. Letztere vornehmlich wegen der Filmclubreihe mit den alten Defa-Streifen samt Podiumsdiskussion. Eher ältere Filme zeigt Praefke auch in der Berlin-Reihe.

Neu haben sie und Sörgel die »Royal Opera« ins Toni geholt – Übertragungen von Aufführungen aus den großen Opernhäusern dieser Welt. »Dazu braucht es einfach einen großen Saal«, sagt Praefke. Den hat sie im Toni mit seinen fast 250 Plätzen. Ursprünglich hatte das seit 1920 bestehende einstige Ufa-Lichtspielhaus sogar mal 700 Plätze. 1992 erwarb Regisseur Michael Verhoeven das Wohngebäude am Antonplatz samt Filmtheater, richtete einen zweiten Saal ein („Tonino“). Als Anfang 2018 ein Geschäftspartner von Iris Praefke und Wulf Sörgel das Haus von Verhoeven kaufte, stand für die beiden Kinoenthusiasten fest, dass sie Toni und Tonino übernehmen würden – »als »Arthouse-Kino mit Überschneidungen zum Mainstream«. Reichlich Erfahrung haben sie im Metier, betreiben sie doch seit Jahren auch das Moviemento in Kreuzberg und das Central in Mitte. »Schon als Studentin habe ich als Vorführerin gejobbt«, erzählt Iris Praefke. »Kino bedeutet Erlebnis«, schwärmt sie, »und schließlich gibt es keinen schöneren Ort fürs erste Date«.

Kino Toni & Tonino, Antonplatz 1, Weißensee, Tel.: 030/92791200, www.kino-toni.de


Text: Katrin Starke

Foto: Lia Darjes

Von Redaktion,
12.12.2018

Gewinnspiel

Wir verlosen: 3 x 2 Kinogutscheine – inklusive 2 x Getränk und Popcorn!
Gültig für alle Kinos der Yorck-Kinogruppe (neben Blauer Stern auch Kino International, Delphi, Delphi Lux, Filmtheater am Friedrichshain, Yorck, Cinema Paris u. a.).
Kennwort »Kino« bis 31.1.2019 an hallo.nachbar@gesobau.de