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Gesobau

Dicke Luft

Das GESOBAU-Schlichtungsbüro ist Anlaufstelle, wenn Nachbar*innen zerstritten sind. Vier Ehrenamtliche helfen ihnen, eine Lösung zu finden

Ein wenig ist Dieter Rabe* der Ärger noch anzumerken, wenn er sich an den Streit mit seinem Nachbarn erinnert. Im Besprechungsraum der GESOBAU-Nachbarschaftsetage im Märkischen Viertel erzählt er, wie im Stockwerk über ihm bis spät in die Nacht in voller Lautstärke der Fernseher lief. Am frühen Morgen jammerten dann die Katzen des Bewohners, weil sie nichts zu fressen hatten, vermutete Rabe. „Manchmal miauten sie eine Stunde lang“, sagt der 72-Jährige.

Weil der deutlich jüngere Hausbewohner nicht mit sich reden ließ, wandte sich Dieter Rabe an das GESOBAU-Schlichtungsbüro. „Meine Hoffnungen hielten sich erst mal in Grenzen“, erzählt er. „Vor allem habe ich bezweifelt, dass sich der Nachbar mit mir an einen Tisch setzt.“ Doch nach einem freundlichen Brief des Schlichtungsbüros ließ der sich tatsächlich darauf ein.

Für ein besseres Miteinander 

Mit am Tisch saßen Dankwart Kirchner und Thea Mir-Raissi. Beide sind schon seit vielen Jahren Mitglieder des Schlichtungsteams. Der Gruppenpsychotherapeut Kirchner hat viel Erfahrung im Führen von Konfliktgesprächen. Er ist seit der Gründung des Schlichtungsbüros 2006 dabei. Damals war er gerade in den Ruhestand gegangen und suchte nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit, in die er seine beruflichen Erfahrungen einfließen lassen konnte. Er fand sie im Schlichtungsbüro, das kurz zuvor auf Initiative der GESOBAU-Sozialmanagerinnen Ilona Luxem und Andrea Scheel gegründet worden war. „Ich hatte zu dieser Zeit meine Ausbildung als Mediatorin abgeschlossen“, erinnert sich Ilona Luxem. „Dieses Verfahren zur Beilegung von Konflikten schien mir eine Chance, um Nachbarschaftsstreits zu schlichten.“ In der Mediation suchen zwei Parteien gemeinsam nach Kompromissen, um ihr Problem zu lösen. Voraussetzung ist, dass sich beide Seiten freiwillig darauf einlassen. Zu Lösungen sollen sie eigenständig kommen. Die Mediator* innen begleiten den Prozess. 

Von Anfang an stand fest: Die Leitung des Schlichtungsbüros sollten Ehrenamtliche übernehmen. „So finden die Gespräche auf Augenhöhe statt“, meint Ilona Luxem. Über Anzeigen und das Ehrenamtsbüro Reinickendorf fand sie die ersten Mitglieder für das Team, die sich für eine gute und friedliche Nachbarschaft einsetzen.

Kulturelle Unterschiede

Thea Mir-Raissi kam etwa zehn Jahre später ins Team. Sie ist ebenfalls Rentnerin und wohnt im Märkischen Viertel. Weil hier viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, gibt es mehr Konflikte als anderswo. „Meistens geht es in den Streitigkeiten um laute Kinder oder anderen Lärm“, berichtet sie. Manchmal haben diese Konflikte mit kulturellen Unterschieden zu tun. So bleiben einige Kinder, deren Familien aus wärmeren Ländern stammen, abends häufig länger draußen. Sie sind es so gewohnt, weil es in der alten Heimat tagsüber oft zu heiß ist zum Spielen. Viele behalten die gewohnten Ruhe- und Schlafzeiten aus ihrer Kindheit bei, erklärt Thea Mir-Raissi. „Indem man darüber spricht, ist oft schon viel gewonnen“, meint sie.

Einmal monatlich setzen sich Thea Mir-Raissi und Dankwart Kirchner mit Edith Spielhagen und Hans- Jürgen Weber zusammen. Edith Spielhagen ist Kulturwissenschaftlerin, Hans-Jürgen Weber Jurist, sie machen das Team komplett. Etwa zehn Anfragen pro Monat gehen im Schlichtungsbüro ein. „Im Winter sind es mehr als im Sommer“, so Thea Mir-Raissi. „Da verbringen die Menschen viel Zeit zu Hause und fühlen sich leichter gestört.“ Während der Corona-Zeit im März und April gab es besonders viele Anrufe. Da Schlichtungen durch ein persönliches Gespräch zu dieser Zeit nicht möglich waren, zogen sich diese bis in den Herbst hinein.

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Zuhören und Impulse geben

Für Edith Spielhagen ist es immer wieder spannend, sich in beide Seiten hineinzuversetzen, sich nicht von Sympathien leiten zu lassen und neutral zu bleiben – eine große Herausforderung, pflichten ihr die anderen Teammitglieder bei. „Im ersten Moment hören wir die Geschichte ja nur von einer Seite, nämlich von der Person, die sich an uns wendet“, gibt sie zu bedenken. „Von dieser einen Darstellung dürfen wir uns aber nicht vereinnahmen lassen.“ Edith Spielhagen kann sich als Mieterin gut in viele Situationen hineinversetzen. Sie sagt: „Wir kennen alle Konflikte auch aus unserem Umfeld, sie erzeugen teilweise seelisches und körperliches Leid. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Streitenden wieder annähern.“ 

Wenn zwei Parteien im Gespräch keine Lösung finden, geben die Mediator*innen Impulse. „Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Nachbar Sie kurz anruft, wenn der Fernseher zu laut ist?“ Oder: „Wie wäre es für Sie, ein Klingelzeichen zu vereinbaren?“ „Wir sind da aber sehr zurückhaltend“, räumt Dankwart Kirchner ein. „Auf keinen Fall soll sich eine Seite überrumpelt fühlen und nur dem Schlichter zuliebe einem Vorschlag zustimmen.“ 

Mieter*innen wenden sich bei Ärger mit Nachbar*innen oft als erstes an die Kundenbetreuer*innen der GESOBAU. Diese verweisen dann ans Schlichtungsbüro. „Der Austausch mit der GESOBAU ist sehr wichtig und geht in beide Richtungen“, betont Hans-Jürgen Weber. „Wir sprechen auch mit den Kundenbetreuer*innen oder Sozialmanager*innen, wenn wir von ihrer Seite Handlungsbedarf sehen.“ Aus diesem Grund versucht Ilona Luxem regelmäßig, an den Teamsitzungen der Schlichter*innen teilzunehmen.

Frühzeitig an einen Tisch

Im Schlichtungsbüro ist rund um die Uhr ein Anrufbeantworter geschaltet, auf dem die Mieter*innen ihre Anliegen und einen Kontakt hinterlassen können. Ein Teammitglied meldet sich dann zurück. Persönlich können Mieter*innen zur Sprechstunde donnerstags von 16 bis 18 Uhr ins Schlichtungsbüro kommen, auch ohne Termin. 

Eine Einschränkung gibt es: Ist ein Konflikt so stark eskaliert, dass bereits eine Anzeige bei der Polizei erstattet oder ein Rechtsanwalt eingeschaltet wurde, nehmen die Schlichter*innen den Fall nicht mehr an. Auch rechtliche Tipps dürfen sie nicht geben. Deshalb ist es wichtig, die zerstrittenen Parteien möglichst frühzeitig an einen Tisch zu bringen.

Im Fall von Dieter Rabe und seinem Nachbarn gelang es, Regelungen zu finden, mit denen beide leben können: So vereinbarten sie, dass die Katzen morgens als erstes gefüttert werden, damit sie sich nicht so laut bemerkbar machen müssen. Auch hinsichtlich der Fernseherlautstärke konnten sie sich einigen. Zum Schluss gaben sich die beiden Nachbarn sogar die Hand darauf. Daran erinnert sich Dankwart Kirchner noch ganz genau, denn solche Momente gehören zu den schönsten seiner Arbeit. „Das rührt mich wirklich sehr“, gibt er zu.

* Name von der Redaktion geändert

DAS SCHLICHTUNGSBÜRO

Vier Mediator*innen arbeiten ehrenamtlich für die GESOBAU und helfen Mieter*innen, die im Streit miteinander liegen. Die Schlichtung ist kostenlos und beinhaltet in der Regel ein Treffen mit beiden Konfliktparteien. Mieter*innen erreichen das Team telefonisch unter 030 41508588 oder jeden Donnerstag persönlich von 16 bis 18 Uhr in der GESOBAU-Nachbarschaftsetage im Märkischen Viertel am Wilhelmsruher Damm 124, 13439 Berlin. Eine Terminvereinbarung ist nicht notwendig.


Aufmacherbild: moremar-Adobe Stock/OpenClipart-Vectors;Autorin: Judith Jenner


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