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Etwas Gutes tun

Die Entscheidung, das Geld für die Weihnachtsbeleuchtung in diesem Jahr an die Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission und die Berliner Tafel zu spenden, stieß bei vielen GESOBAU-Mietern auf Zuspruch. Wir zeigen Ihnen, wo das Geld angekommen ist.

Marion, Jürgen und Hündin Mila sind obdachlos. Wenn sie so etwas wie ein Zuhause haben, dann am ehesten hier in der Lehrter Straße auf dem Gelände der Berliner Stadtmission. Mit einer Handvoll anderer Obdachloser sitzen sie auf der Steintreppe, die hinunter zum Aufenthaltsraum führt, gepolstert und gewärmt mit reichlich Decken, begleitet von ihrem überschaubaren Hab und Gut. Es ist erst früh am Nachmittag, noch ist kaum jemand da. Doch das ändert sich gegen Abend schlagartig. Zwischen 120 und 200 Obdachlose finden dann täglich den Weg zur Berliner Stadtmission.

Im Aufenthaltsraum gibt es täglich ab 19 Uhr die Essensausgabe. Der Raum erinnert unweigerlich an eine Schulkantine – eine gut erhaltene. Am Nachmittag stehen die Stühle noch auf den Tischen, hier und dort baumelt ein selbstgebastelter Weihnachtsstern von der Decke, und auch der kleine Weihnachtsbaum in der Ecke zeugt von dem liebevollen Versuch, für die Obdachlosen eine gemütliche, besinnliche Stimmung zu erzeugen. Im Raum nebenan können sich die Obdachlosen duschen und an einem kleinen Kosmetiktisch bedienen, auf dem die nötigsten Hygieneartikel wie Deodorant und Duschgel stehen. Es gibt sogar eine Fußpflege, die von Ehrenamtlichen bei Bedarf durchgeführt wird. Direkt gegenüber befindet sich ein Behandlungszimmer, in dem acht Ärzte ehrenamtlich obdachlose Menschen behandeln und zudem mit Medikamenten versorgen, die ohne Papiere, ohne Krankenschein und vom Leben auf der Straße gezeichnet zu ihnen kommen. Über einem Spiegel vor dem Raum steht ein Schild mit der Aufschrift „Friseur“, darunter ein einfacher Holzstuhl. Auch dafür wird gesorgt.

5.000 Euro für die Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission

Das Angebot der Stadtmission für die geschätzt 11.000 Obdachlosen, die in Berlin auf der Straße leben, ist einzigartig – und wird angesichts der anhaltenden Zuwanderungswelle immer wichtiger. Als Wohnungsunternehmen ist es unsere Aufgabe, den Menschen, die in Berlin leben, ein Dach über dem Kopf zu geben. Doch nicht jedem Nachfrager können wir die passende Wohnung vermitteln, wir aber können Initiativen und Vereine unterstützen, die sich um eine Mindestversorgung von Obdachlosen kümmern, und stattdessen dort Verzicht üben, wo Überfluss und Selbstverständnis entstanden ist. Die Entscheidung, anstelle der Weihnachtsbeleuchtung am Wilhelmsruher Damm, an der GESOBAU-Geschäftsstelle im Märkischen Viertel und in der Schillerhöhe in diesem Jahr u.a. die Berliner Stadtmission mit 5.000 Euro zu unterstützen, fällt unter einen eben solchen Verzicht und rührt an Selbstverständlichem. Dass das Geld in der Berliner Stadtmission dringender gebraucht wird, wissen wir spätestens seit unserem Besuch.

Ute Rastert führt uns über das Gelände der Stadtmission in der Lehrter Straße zum Haus der Notübernachtung – eine von vieren in ganz Berlin. „121 Schlafplätze haben wir offiziell zur Verfügung, doch viele Obdachlose schlafen auch im Aufenthaltsraum“, erklärt sie. Für die kommende Nacht ist alles vorbereitet: In sterilen Räumen liegen Isomatten dicht an dicht auf dem Boden, darauf frische Bettwäsche. Im Raum gegenüber stehen zwei Dutzend Zahnbürsten in Reih und Glied auf einem Tisch, teilweise versehen mit Namen. Ein Hauch von Identität. Daneben Zahnpastatuben und Hygieneartikel. Auch Arzneimittel werden hier aufbewahrt und ausgegeben, wenn es notwendig wird. Keine Frage, es ist für alles gesorgt. Und doch schleicht sich ein beklemmendes Gefühl ein, weiß man doch, dass nur herkommt, wer wirklich ganz unten angekommen ist. Wer nichts mehr hat, vielleicht sogar nie hatte. Und wer sich traut, die Hilfe überhaupt anzunehmen. Es sind ein paar Stunden, in denen die Obdachlosen einen trockenen, warmen Schlafplatz haben. Morgens um 7 Uhr müssen sie die Notunterkunft wieder verlassen. „Die Bettwäsche muss gewaschen, es muss gelüftet und alles wieder hergerichtet werden für die nächste Nacht“, erklärt Ute Rastert. Der Geruch in den Räumen – er bleibt.

Rastert gehört zu den wenigen Mitarbeitern, die bei der Berliner Stadtmission fest angestellt sind. Von rund 2.200 Mitarbeitern sind 1.300 ehrenamtlich oder im Rahmen einer 1,50 Euro-Maßnahme vom Jobcenter tätig. Ohne das große Engagement der Ehrenamtlichen wäre das alles nicht möglich, ebenso wenig ohne Spendengelder. Ute Rastert kümmert sich um das Fundraising, d.h. sie nimmt Spenden entgegen und setzt das Geld wieder sinnvoll ein. Sie wünscht sich zum Beispiel robuste luftgefüllte Matratzen anstelle der dünnen Isomatten. Doch auch wenn längst nicht alles realisierbar ist, was benötigt wird: „Man hat das Gefühl, eine gute und wertvolle Arbeit zu machen. Solche Erfahrungen macht man sonst nirgendwo“, findet sie. Die emotionale Belastung sei natürlich groß, „aber ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht die ganze Welt retten kann. Wir tun, was wir können, und damit bewirken wir in unserem Umfeld etwas Gutes. Das ist es, was zählt.“

1.500 Euro für die Berliner Tafel

Achim Karatas weiß, was es bedeutet, wertvolle Arbeit zu leisten. Er macht Ute Rasterts Job bei der Berliner Tafel, an die wir ebenfalls einen Teil des eingesparten Geldes für die Weihnachtsbeleuchtung spendeten. 14 Tonnen Obst, Gemüse und Backwaren werden auf dem Gelände in der Beusselstraße täglich sortiert und wieder an über 300 soziale Einrichtungen, z.B. Kinder- und Jugendprojekte, verteilt. Darunter auch Standorte der Berliner Stadtmission. Die 45 Ausgabestellen von LAIB und SEELE können Lebensmittzel von der Berliner Tafel erhalten – Lebensmittel, die sonst im Mülleimer gelandet wären. „Die Ware lagert höchstens einen Tag lang, sie ist immer noch frisch und hält noch mindestens 48 Stunden“, erklärt Karatas. Ware, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat, nimmt die Berliner Tafel meist gar nicht erst an. „Es ist ein kapitalistisches Phänomen, dass ein Stück Kuchen backfrisch aus dem Ofen kommen muss“, beklagt der 49-Jährige. „Und ein Phänomen unserer Generation.“ Das Thema Bedürftigkeit sei bei den 20- bis 30-Jährigen nicht mehr so präsent, „sie kennen keinen Krieg, Armut oder Hunger. Damals waren die Menschen froh, überhaupt eine Schrippe zu kriegen.“

In den Lagerräumen der Berliner Tafel herrscht Hochbetrieb. Überall stehen große Türme mit grünen Kisten, in denen die Lebensmittel zwischengelagert werden. Es wird sortiert, verräumt, angepackt – jeder Griff sitzt, jeder weiß, was er zu tun hat. Wer rumsteht, ist im Weg. Und auch hier wird der Großteil der Arbeit von den insgesamt 400 Ehrenamtlichen und Menschen in Maßnahmen geleistet. Karatas fing einst selbst als Ehrenamtlicher an, ehe er eine Festanstellung bekam. „Man sieht schnell das Sinnvolle in dem, was man tut.“
Anders als bei der Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission müssen die Bedürftigen in den LAIB und SEELE-Ausgabestellen nachweisen, dass sie in der Stadt gemeldet sind und über ein Einkommen verfügen. Sie können auch nur in ihrem Postleitzahlbereich Lebensmittel für sich abholen. „HartzIV-Satz plus Miete ist die Höchstgrenze. Rentner müssen einen Bescheid unter 800 Euro vorweisen können“, erklärt Karatas. Auch Flüchtlinge werden mit Lebensmitteln versorgt. Reicht das dann überhaupt noch? „Wir müssen jetzt besser portionieren, wenn so viele neue Menschen in die Stadt kommen. Aber es hat bislang immer geklappt.“

Neben der Unterstützung an Bedürftige geht es der Berliner Tafel auch um Prävention. „KIMBA“ heißt das Projekt, in dem ausgebildete Mitarbeiter der Berliner Tafel Kindern zeigen, wie man aus frischen Lebensmitteln etwas Gesundes zubereitet. Das Spannende: Die Kinder schnippeln und kochen im „KIMBAexpress“, einem umgebauten Eisenbahn-Waggon. „Viele Kinder kennen einen Apfel. Aber wenn sie eine Zucchini in der Hand halten, denken sie, es ist eine Gurke“, berichtet Karatas. Die Nachfrage von Schulklassen ist enorm, bis 2017 sind die Kurse bereits ausgebucht. Wer die Gerichte trotzdem kochen möchte, der kann das Kinderkochbuch „Clever kochen“ der Berliner Tafel im Buchhandel erwerben. Darin findet man alle Rezepte, die im KIMBAexpress gekocht werden – von Blitz-Pizza bis Pasta à la Timo.

Von Susanne Stöcker,
22.01.2016