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Ein Kiez – offen für alle

Der Florakiez ist so vielfältig wie kaum ein anderer in Berlin: Alteingesessene, Zugezogene – aus dem Prenzelberg genauso wie aus Schwaben – und Emigranten aus unterschiedlichen Ländern. Mit dem Florakiezfest wollen Anwohner und Gewerbetreibende diese Vielfalt nutzen und sich austauschen.

Du fängst an. Nein, besser du.« Noch sind sich Adam (6) und Yassan (9) nicht einig. Ein bisschen Aufregung gehört eben auch dazu, bevor sie gleich auf die Bühne gehen. Zum heutigen Florakiezfest möchten die beiden Syrer, die ihre Heimat mit ihrer Familie vor knapp zwei Jahren verlassen mussten, ihr Können in Sachen Beatboxen zeigen. »Cool bleiben, wir kriegen das hin« – Yassan klopft seinem jüngeren Bruder aufmunternd auf die Schulter.

Steht auf, kommt her, macht mit

Punkt 12 Uhr werden aber zunächst auch die Langschläfer mit einem Trommelwirbel wachgerüttelt. »Der offizielle Startschuss für unser buntes Bühnenprogramm in der Dusekestraße«, sagt Andreas Gerts, der sowohl privat als auch mit seiner Praxis »Wortraum« im Florakiez zu Hause ist. Gemeinsam mit weiteren engagierten Gewerbetreibenden und Anwohnern hat er das zum siebten Mal stattfindende Sommerfest vorbereitet. Es steht unter dem Motto »Ein Kiez – offen für alle«. »Unsere Gegend hier ist so bunt und vielfältig wie das Leben. Hier werden ungefähr 30 Sprachen gesprochen. Unser Anliegen ist es, für alle einen Ort der Begegnung zu schaffen. Eine Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, sich kennenzulernen. Und das in einer entspannten Atmosphäre und bei richtig guter Stimmung.« Die Idee dafür hatten ursprünglich die Geschäftsfrauen im Kiez. Gerts nennt sie »die starken Frauen« und bezieht das nicht nur auf ihr berufliches Engagement. »Unsere Geschäftsfrauen sind kreativ, lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Damit tragen sie wesentlich dazu bei, dass der Kiez lebt und wir alle wirklich gerne hier zu Hause sind.« So sei die Florastraße heute eine Flaniermeile, wo man gut verweilen kann, wo es viel zu entdecken gibt. »Wenn das kein richtig guter Grund ist, unseren Kiez zu feiern«, sagt Gerts und lacht.

Schaut euch um, staunt, kommt wieder

An diesem letzten Samstag im August zeigt sich auch das Wetter in absoluter Festtagslaune. Und so tummeln sich bereits vor dem Willkommenstrommelwirbel zahlreiche Besucher in der heute autofreien Dusekestraße. Schnell füllen sich die Sitzbänke unter den sonnenbeschienenen GESOBAU-Schirmen. Gleich nebenan in der Florastraße wird flaniert und geplaudert. Hier gibt es einen Informationsstand zum Thema Wohnen im Alter, da einen Händler, der seine Antikwaren heute vor dem Schaufenster darbietet. Wenige Meter weiter die Einladung, Plastiktüten gegen einen der phantasievollen Stoffbeutel einzutauschen. Bei der »Öko-Jule« auf der anderen Straßenseite wird gerade über Fußball, Kartoffeln und die aktuellen Modernisierungsprojekte in der Straße geplaudert. Dabei verrät Hubert Borngräber aus der Florapromenade einer Familie aus dem Ruhrgebiet, die demnächst in den Kiez ziehen wird, augenzwinkernd: »Je dümmer der Bauer, desto größer die Kartoffel«. Und schon hat der sympathische Hobby-Ökobauer die Sympathien der Neuberliner gewonnen. »So ein Fest fördert eine gute Nachbarschaft und den Umsatz. Was will man mehr«, sagt er.

Aufeinander zugehen

Während auf der Bühne inzwischen das »Theater auf dem Bügelbrett« für begeisterte Zuschauer sorgt, warten im Hintergrund junge Damen auf ihren Auftritt. Sie gehören zum Tanzprojekt »Heimat – Los!« »Damit möchten wir Flüchtlingskindern aus Pankower Asylbewerberunterkünften ermöglichen, spielerisch Kontakt zu einheimischen Kindern aufzunehmen«, erklärt Steffi Sembdner, die das Programm mit den Mädchen eingeübt hat. Zu den jungen Künstlerinnen gehören auch Srebra (11) und Sefera (10) aus Serbien. Seit zehn Monaten leben sie mit ihren Eltern und zwei weiteren Geschwistern in der Stadt. »Berlin ist schön«, sagen sie. »Besser als zu Hause.« Und ja, Freundinnen haben sie hier auch schon gefunden. »Beim Tanzen und wegen Steffi, die uns so viele spannende Sachen machen lässt.« Die Tänzerin und Choreografin unterstützt die Kinder, über ihre eigene Körpersprache leichter mit anderen Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft zu kommunizieren und Freundschaften zu schließen. »In unserem Projekt haben sie gelernt, einander zuzuhören, sich zu respektieren, zu öffnen und ohne Scheu aufeinander zuzugehen.« Das funktioniere im Übrigen nicht nur über das Sprechen, sondern ebenso über Geräusche, gemalte Bilder und geschriebene Worte. Dazu kommen Spaß und Fantasie. »Wir kombinieren alles miteinander und drücken es in Bewegung aus.« Inzwischen haben auch Adam und Yassan ihren Auftritt hinter sich. Mit großem Applaus! Jetzt wollen sie unbedingt noch zum internationalen Kinderfest auf dem Spielplatz nebenan. »Spielen, egal was, alles ist super«, sagt Adam. »Besser als kämpfen«, fügt sein Bruder noch hinzu. Und wenn möglich, dann wollen sie gleich morgen wiederkommen. Auch ohne Bühne. Spielen geht immer.


Text: Kathleen Köhler, Fotos: Christoph Schieder

Von Susanne Stöcker,
22.09.2015
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Informationen dazu, was Pankower Flüchtlinge dringend brauchen, finden Sie beim Willkommensnetzwerk Pankow Hilft! www.pankow-hilft.de

Es besteht aus fünf Unterstützungskreisen. Wer mitmachen möchte, bitte die auf der Homepage genannten E-Mail-Adressen anschreiben und kurz mitteilen, woran Interesse besteht.

Was gebraucht wird?

Vor allem eine partnerschaftliche Begleitung, die die neuen Nachbarn bei ihrem Ankommen unterstützt und ihnen hilft, selbstständig zu werden.

Wie?

• Zum Beispiel durch Organisation von Sprachmittlern

• Deutschkurse finden

• Begleitung bei der Wohnungssuche

• Hausaufgabenhilfe für Schulkinder

• Organisation von Sportangeboten und weiteren Freizeitaktivitäten

• Spendensammeln und -sortieren (z.B. Kleiderkammer)

Weitere Infos unter:

koordinierung@pankow-hilft.de, Telefon (030) 443 71 79, Theresa Adam

Oder:

[moskito] Fach- und Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus, für Demokratie und Vielfalt: moskito@pfefferwerk.de, Telefon (030) 443 71 79