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„Diskomusik von vor 200 Jahren“

Das „Hinterhoftanzfest“ in der Weißenseer Langhansstraße fand in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal statt. „Hallo Nachbar“ hat mit Organisator Achim Seuberling das Tanzbein geschwungen.

Achim Seuberling ist nicht der Typ, der große Reden schwingt. Etwas verloren steht er auf der selbst zusammengezimmerten Bühne. Als Veranstalter des „Hinterhoffestes“ würden aber wohl ein paar Worte von ihm erwartet, setzt der Mann mit der graumelierten, zum Zopf gebändigten wilden Mähne schließlich an. Und dann breitet er die Arme aus und sagt den einen Satz, auf den die Besucher gewartet haben: „Hey, ich will euch alle hier auf diesem Tanzboden rocken sehen.“ Bereits seit zehn Jahren organisiert Seuberling im Hinterhof des Mietshauses an der Weißenseer Langhansstraße 19 in jedem Sommer ein Nachbarschaftsfest, mal mit rockiger Live-Musik, mal mit Kindertheatervorführungen. In diesem Jahr hat er zum ersten Mal ein Tanzfest auf die Beine gestellt. Die GESOBAU hat ihn dabei gern unterstützt.

 

Stellt das Hinterhoftanzfest seit zehn Jahren auf die Beine: Achim Seuberling.

 

Fast schon hatte sich Seuberling gesorgt, dass die Gäste ausbleiben könnten – weil nach wochenlanger Gluthitze just am letzten Sonnabend im August die Temperaturen in den Keller gesackt waren. Doch die Angst des 54-Jährigen erweist sich als unbegründet, nach und nach trudeln am späteren Nachmittag immer mehr Leute ein – und legen ihre Jacken schon bald auf den um den Tanzboden drapierten Biergarnituren ab. „Wenn man sich bewegt, wird einem doch gleich warm“, sagt eine Anwohnerin und zieht ihren Partner auf die hölzerne Tanzfläche. Über Achim Seuberlings Gesicht huscht ein Lächeln. Immerhin hat er vier Tage an der Bühne gearbeitet, hat sich bei „Gabor‘s MZ-Laden“ gegenüber Europaletten geliehen, Bretter darauf geschraubt und damit auf dem huckeligen Pflaster des Hinterhofs einen ebenen Tanzboden geschaffen. Dass der sich nun mit immer mehr Paaren füllt, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Seuberling mit der Auswahl der Musiker ins Schwarze getroffen hat.

 

 

Der Weißenseer Himmel voller Harfen, Geigen – und einem Dudelsack

Die beiden Harfinistinnen Daniela Heiderich und Merit Zloch, Dudelsackspieler Matthias Branschke, Konzertina-Virtuose Jim Penny und Geigerin Ursula Suchanek spielen mit traditioneller Musik zum Tanz auf. Später wird auch Vivien Zeller noch ihre Geige zur Hand nehmen, aber erst einmal erklärt sie den Gästen die Tanzschritte. Denn was die jungen Musiker spielen, sind Kompositionen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert. „Die haben wir aus alten Handschriften herausgesucht und neu arrangiert“, erklärt Vivien Zeller. „Das ist die Diskomusik von vor 200 Jahren“, fügt sie hinzu. Dass die sechs Musiker sie beim Hinterhoffest gemeinsam präsentieren, ist eine Besonderheit.

„Wir kennen uns, sind befreundet, arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen, aber sonst spielen wir meist in verschiedenen Duo-Formationen“, sagt Vivien. Unter dem Namen „TradTöchter“ tritt sie zum Beispiel zusammen mit Ursula Suchanek auf. Und Daniela Heiderich konzertiert mit Merit Zloch, mit der sie auch schon mal in der Langhansstraße 19 gespielt hat. Nicht im Hinterhof, sondern in der Ladenwohnung im Vorderhaus. Dort nämlich ist Achim Seuberlings Kulturprojekt „Sepp Mairs 2raumwohnung“ zu Hause, hier organisiert der 54-Jährige regelmäßig Kunst- und Kulturveranstaltungen. Für das gelungene Programm der unabhängigen Spielstätte ist er im vergangenen Jahr sogar von Kulturstaatsministerin Monika Grütter ausgezeichnet worden. Und weil „Sepp Mairs 2raumwohnung“ in Musikerkreisen einen guten Klang hat, ist es ihm auch gelungen, die sechs Musiker fürs Hinterhoffest zu verpflichten. Zwar wohnen Merit Zloch und Matthias Branschke in Weißensee „fast um die Ecke“, aber Ursula Suchanek reiste eigens aus der Uckermark an, Daniela Heidereich aus Mecklenburg. Und Jim Penny aus England. „Aber nicht nur fürs Hinterhoffest“,  sagt er und greift die Hand von Vivien Zeller.

 

 

Ein Kiez tanzt

„Solche Feste müssten viel öfter gemacht werden“, sagt Besucherin Angelika Jahn, die mit ihrer Nachbarin Sandra Höntsch auf ein Gläschen Wein im Hinterhof vorbeischaut. „Man wohnt hier im Kiez dicht auf dicht – und trotzdem kennen sich viele Bewohner untereinander nicht“, bedauert sie. Kleine Feste seien eine gute Möglichkeit, dem anonymen Nebeneinander etwas entgegenzusetzen, ergänzt Sandra Höntsch. Auch Gabor Pirntke ist auf einen Sprung aus seinem Laden, in dem er Motorräder und Motorradteile aus DDR-Produktion vertreibt, herübergekommen – nicht nur, um sich davon zu überzeugen, dass seine Euro-Paletten als Tanzbodenbasis beste Dienste leisten: „Vielleicht werde ich das mit dem Tanzen mal ausprobieren – auch wenn ich sonst eher nach anderer Musik tanze“, sagt er.

 

 

 

Vivien Zeller übt nach Walzer und Wickler mit den tanzbegeisterten Besuchern mittlerweile eine Quadrille ein. „Das ist schon etwas anspruchsvoller“, zollt Besucherin Heike, die mit ihren beiden Kindern aus Prenzlauer Berg zum Hinterhoffest gekommen ist, den Tanzpaaren Respekt. Sie kann es bewerten, ist sie doch schon seit ihrer Kindheit leidenschaftliche Volkstänzerin, „seit damals bei den Pfadfindern in Niedersachsen“. Der Volkstanz sei eine sehr gemeinschaftliche Art des Tanzens, die gute Laune mache. „Schauen Sie doch selbst“, sagt die junge Mutter und deutet auf den Tanzboden. Dort dreht unterdessen auch Martina Gülzow ihre Runden. Dabei hatte die 59-jährige GESOBAU-Mieterin aus Pankow eben noch befürchtet, Zuschauerin bleiben zu müssen, weil sie ohne Begleitung zum Fest gekommen ist.

Katja Fleischer kümmert sich derweil darum, dass die Besucher einen Pfannkuchen oder eine Bratwurst vom Grill bekommen. Die junge Weißenseerin engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit. Als sie hörte, dass fürs Hinterhoffest helfende Hände gebraucht würden, brachte sie kurzerhand einige der Geflüchteten mit. Die unterstützen sie nun nicht nur beim Getränkeausschank, sondern probieren auch fleißig das Polka-Tanzen.


Text und Foto: Katrin Starke

Von peter.polzer,
04.09.2018