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Der stille Held

Werner Klemke wäre im März 100 Jahre alt geworden. Für die GESOBAU wie auch für den Bezirk Pankow Anlass genug, an den prominenten Zeichner zu erinnern.

„Werner Klemke. Grafiker, Buchkünstler, Hochschullehrer, stiller Held, Bibliophiler, einer der berühmtesten Buchillustratoren der DDR.“ So ist es auf der Gedenktafel zu lesen, die vor wenigen Tagen am früheren Wohnhaus Klemkes in der Tassostraße 21 in Weißensee angebracht worden ist. In dem Haus der GESOBAU betreibt seine Tochter Christine noch heute ihr Atelier. Wenige Straßen weiter, direkt gegenüber von der Grundschule am Weißen See, ist nach dem Willen der Bezirksverordneten die kleine Grünfläche mit dem Goldfischteich in „Werner Klemke Park“ umbenannt worden. Der Ort ist kein Zufall: Zwischen 1931 und 1933 drückte Klemke an der Grundschule am Weißen See im roten Ziegelsteinbau selbst die Schulbank. Am 14. März – zwei Tage nach Klemkes Geburtstag – wurde auf Einladung des Senators für Kultur und Europa, des Bürgermeisters von Pankow und des Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. auch hier an ihn gedacht.

Was den Gastredner, Kultursenator Klaus Lederer (Linke), ebenso wie Schulleiterin Roswitha Reimann und auch Klemkes Kinder Christian und Christine an diesem Tag überrascht: Hunderte Fans des Illustrators sind der Einladung zur Gedenkfeier in die Aula der Schule gefolgt. Mit solch enormem Zulauf hatte niemand gerechnet. Aber dennoch hat die Schule vorgesorgt – nicht nur mit Sekt und Saft, sondern vor allem mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung, die einen Einblick in die Vielfalt des Künstlers gibt. An den Wänden sind unter Glas diverse Cover der zahlreichen Kinderbücher zu sehen, die Klemke gestaltet hat – vom „Wolkenschaf“ und „Lütt Matten“ über die „Schwalbenchristine“ und „Hirsch Heinrich“ bis zum „Pferdemädchen“ und den Grimmschen Märchen. Da wird selbst Klaus Lederer nostalgisch, denkt zurück an die Buchregale in seinem Kinderzimmer, die mit diversen Klemke-Klassikern gefüllt waren. Und erinnert sich, wie glücklich seine Mutter war, als sie 1987 zufällig ein Jahres-Abo vom heiß begehrten „Magazin“ ergatterte. Der Zeitschrift, die Klemke mit seinen Bleistift- und Pinselstrichen maßgeblich prägte – nicht zuletzt auch mit seinem legendären schwarzen Kater, der sich heimlich oder offiziell in fast jede seiner Zeichnungen für „Das Magazin“ schmuggelte.

Was Lederer aber weitaus mehr bewegt, vor allem, weil Klemke es Zeit seines Lebens nie publik machte: dessen stiller, aber mutiger Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Als Gefreiter einer Fliegerabwehreinheit wurde der Illustrator an der Westfront in der Schreibstube eingesetzt. Und nutzte diese Chance, um für holländische Juden Ausweispapiere zu fälschen, Lebensmittelkarten herzustellen, seinen Kameraden illegal Urlaubsscheine auszustellen. Rund 300 holländische Juden konnten Klemke und die Widerstandsgruppe, in der er sich engagierte, retten. Erst vor wenigen Jahren hat die holländische Filmemacherin Annet Betsalel Klemkes selbstloses Wirken in einem Dokumentarfilm öffentlich gemacht. „Warum hat er nie darüber gesprochen?“, fragt Lederer sich und seine Zuhörer. Zumal dem Künstler dieser Einsatz in der DDR – mit ihrer Politik des Antifaschismus – eher zum Vorteil gereicht hätte.

200 Sondermarken „Lumpengesindel“ 

Klemkes Sohn Christian hat keine Antwort, aber einen Erklärungsversuch: Das Marktschreierische habe sein Vater abgelehnt. „Auf seine Art war er in seiner Haltung altmodisch, er liebte das Noble, das Zurückhaltende.“ Und wagte doch seinen ganz persönlichen Aufstand im Kleinen, wie Tochter Christine weiß. Sie zeigt auf die Briefmarken, die sie auf einem Tisch in der Aula drapiert hat. 200 Stück hat sie extra drucken lassen – von einer Marke, die es nie in den DDR-Kanon geschafft hat. Zum Jubiläum „200 Jahre Gebrüder Grimm“ sollte Klemke eine Kollektion von Märchenmarken entwerfen. Was er auch tat. Aber: Direkt neben die Länderkennung DDR malte er das Wort „Lumpengesindel“. Eine Provokation sei das gewesen, nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen. Christine Klemke schüttelt den Kopf, hat selbst die Frage auf den Lippen: „Was hat er sich dabei nur gedacht?“ Natürlich blieb auch den DDR-Zensoren der Schriftzug nicht verborgen, sie sortierten die Marke aus. „Mein Vater hat gern seine Grenzen ausgetestet“, bemerkt die Tochter mit einem Schmunzeln. „Er hat dabei bewusst in Kauf genommen, dass seine Bilder es eben nicht immer in ein Buch schafften“, erzählt sie. Und stellt erstaunt fest, dass die 200 Sondermarken, die sie gerade erst ausgelegt hat, schon vergriffen sind: „Mit dieser großen Resonanz hatte ich nicht gerechnet.“ Um Klemke sei es in den letzten Jahren still geworden.

Seit 20 Jahren kooperiert die Künstlerin Christine Klemke mit der Grundschule am Weißen See, bietet Kunstkurse an. Die zwölfjährige Hanna ist eine der Grundschülerinnen, die seit fünf Jahren dabei sind. „Ich wollte immer zeichnen. Und Frau Klemke bringt mir das Handwerkszeug dafür bei“, sagt das Mädchen. Dessen Mutter hat in der Aula einen kleinen Stand aufgebaut: Die Inhaberin der Buchhandlung „Theobald Tiger“ hat eine Rarität für Klemke-Liebhaber im Angebot. „Märchen von Hans-Christian Andersen, illustriert von Klemke, gerade frisch aufgelegt. Kaum jemand weiß davon“, sagt Romy Weber. Die zehn Exemplare sind in Windeseile unter die Leute gebracht. In ihrem Laden habe sie aber noch mehr. „Und Christine Klemke dekoriert regelmäßig das Schaufenster“, wirbt Weber.

Derweil streift Bernt Roder durch die Flure. Der Chef des Bezirksmuseums, der seit 1992 in Prenzlauer Berg lebt, ist ein „Westgewächs“. Erst nach der Wende sei ihm bewusst geworden, „dass ich Klemkes Zeichnungen schon viele Jahre kannte“. Als er seine eigenen Kinderbücher durchblätterte. „Klemke wurde nämlich auch in Westdeutschland verlegt. Wusste nur keiner.“ Der vierten Klasse der Grundschule am Weißen See will er nun Klemkes Wirken näher bringen – in einem unterrichtsbegleitenden Museumsprojekt.

Am Stand von Antiquar Thomas Döring stapeln sich diverse Ausgaben des „Magazins“. Die Besucher kaufen nicht. Klemke-Freund Ekkehard Maaß, in dessen literarischen Salon sich in den 80er-Jahren die Unangepassten aus Kunst und Kultur bei Wein und Kaffee trafen, lacht. „Wer hier vorbeikommt, hat die Magazin-Hefte doch längst schon zu Hause liegen“, kennt er das Weißenseer Publikum.


Text: Katrin Starke

Fotos: André Wunstorf

Von Susanne Stöcker,
23.03.2017

Gewinnspiel

Wir verlosen drei Exemplare des Dokumentarfilms „Treffpunkt Erasmus – die Kriegsjahre von Werner Klemke“. Die DVD enthält den kompletten Dokumentarfilm mit 98 Minuten Laufzeit und einigen Extras. Es handelt sich um eine Limited Edition, die käuflich nicht zu erwerben ist.

Sie wollen ein Exemplar gewinnen? Dann schreiben Sie unter dem Stichwort „Werner Klemke“ eine E-Mail an hallo.nachbar@gesobau.de und beantworten Sie folgende Frage: Welche Zeitschrift prägte Werner Klemke mit seinen Bleistift- und Pinselstrichen zu seiner Lebenszeit maßgeblich?

Einsendeschluss ist am 6. April. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg!