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Das Grün von Berlin

Etwa 2.500 Parks und andere Grünanlagen gibt es in Berlin. Ein neuer Stadtführer stellt einige von ihnen vor – auch unbekannte Erholungsorte mit ganz besonderem Reiz.

Leicht kann man ihn übersehen, den Eingang zum Leise-Park in der Heinrich-Roller-Straße. Betritt man aber den 2012 eröffneten Park, so gerät man in eine verwunschene Welt, die so gar nichts mit dem brodelnden Leben von Prenzlauer Berg zu tun hat. Viele Bäume prägen den Park, zwischen denen alte Grabsteine stehen. »Hier ruht in Gott Wilhelm Heinrich, Maurermeister, 1859-1913« steht auf einem.

Bestattet wird in diesem Teil des Friedhofs St. Marien – St. Nikolai schon lange niemand mehr. Deshalb wurde vor einigen Jahren unter reger Beteiligung der Anwohner ein Parkkonzept entwickelt, der die Vergangenheit als Friedhof nicht verleugnet und den leicht verwilderten Charakter der Anlage beibehält. Immerhin gibt es einige Spielgeräte – offenbar lassen sich die Kinder von der etwas düsteren Atmosphäre nicht abschrecken. Eben wegen dieses nicht besonders einladenden Charakters zählt der Leise-Park nicht zu den grünen Lieblingsorten von Frank Wendler. Dennoch hat ihn der Journalist in den Stadtführer »Berlins Grüne Orte« aufgenommen, den er zusammen mit anderen Autoren und in Kooperation mit den Berliner Bezirken verfasst hat. Die Auswahl war schwierig, berichtet Wendler. Denn in Berlin gibt es rund 2.500 Grünanlagen, zu denen nicht nur bekannte Parks wie der Tiergarten, der Schlosspark Charlottenburg, der Treptower Park oder das Tempelhofer Feld zählen, sondern auch kleine, feine Grünflächen, Kleingartenkolonien und eben auch Friedhöfe. Der Stadtführer schlägt Routen vor, auf denen man einige der 90 vorgestellten grünen Schmuckstücke zu Fuß, mit dem Schiff oder – wie wir es in Begleitung Wendlers tun – mit dem Fahrrad erkunden kann. Der Hochzeitspark Marzahn-Hellersdorf lässt sich so ebenso besuchen wie der Volkspark Rehberge im Wedding, der Lietzenseepark in Charlottenburg oder der Schlosspark Buch.

WASSERTURMPLATZ

Einer von Wendlers Favoriten liegt nicht weit vom Leise-Park entfernt: der Wasserturmplatz in Prenzlauer Berg. Der Journalist wohnt ganz in der Nähe und schätzt den Rückzugsraum, den der leicht erhöhte kleine Park bietet. Dabei befindet sich die über einen steilen Weg zugängliche Grünfläche unmittelbar neben dem 1877 in Betrieb genommenen Wasserturm, dem auch von zahlreichen Touristen besuchten Wahrzeichen des Bezirks. Von oben bietet sich ein toller Blick über die Dächer von Prenzlauer Berg sowie auf den Wasserturm und den schmalen Steigrohrturm. Errichtet wurden diese imposanten Bauwerke, um die rasch wachsende Stadt mit fließendem Wasser zu versorgen. Wendler erzählt, wie es dann weiterging: Schon 1914 wurde die eigentliche Funktion des Wasserturms aufgegeben, und 1933 richteten die Nazis darin ein frühes Konzentrationslager ein. Noch heute wird im Wasserturm gewohnt – in halbkreisförmigen Wohnungen, die ursprünglich den Bediensteten des Wasserturms vorbehalten waren.

Dass es für jedermann zugängliche Grünanlagen gibt, ist übrigens nicht so selbstverständlich, wie man denken könnte. In früheren Zeiten waren die Parks nämlich meist mit einem Schloss verbunden, und dem einfachen Volk war der Zugang verwehrt. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als große Volksparks angelegt wurden, in denen sich die Bewohner der Mietskasernen vom harten Alltag in der dicht bebauten Stadt erholen sollten.

VOLKSPARK HUMBOLDTHAIN

An einem der bedeutendsten dieser Volksparks hat unsere Radtour begonnen: am Volkspark Humboldthain, der ab 1869 nach Plänen des Gartenarchitekten Gustav Meyer entstand. Im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, wurde der Volkspark Humboldthain danach neu bepflanzt. Zudem entstand aus Trümmerschutt eine 85 Meter hohe Erhebung, die Humboldthöhe. Die größte Überraschung befindet sich aber in der Nähe der Brunnenstraße: ein zauberhafter Rosengarten, der im denkbar größten Kontrast zum manchmal noch recht herben Charme des benachbarten Wedding steht.

JÜDISCHER FRIEDHOF WEISSENSEE

Zum Ende der Tour führt uns Frank Wendler zum Jüdischen Friedhof Weißensee. Mit gut 40 Hektar ist er der flächenmäßig größte jüdische Friedhof Europas. »Und er ist noch immer in Betrieb«, sagt Wendler. Über 115.000 Menschen sind auf dem 1880 eingeweihten Friedhof beerdigt worden, darunter Berühmtheiten wie der Maler Lesser Ury und der Verleger Samuel Fischer. Prunkvolle Familiengräber kann man bestaunen, aber auch bescheidene, windschiefe Grabsteine. Im Unterschied zu christlichen Begräbnisstätten bleiben jüdische Gräber für immer bestehen, erklärt Wendler. In vielen Teilen hat der Friedhof mit seinen überwucherten Gräbern deshalb einen wildromantischen Charme.

Dabei deuten zahlreiche Grabinschriften traurige Geschichten an. »Gestorben in Theresienstadt«, liest man mehrfach. »Den Friedhof haben die Nazis aber erstaunlicherweise in Ruhe gelassen«, berichtet Wendler. Und dann zitiert er einige Zeilen aus einem Gedicht, mit dem Kurt Tucholsky 1925 an die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins erinnerte: »Du siehst noch drei, vier fremde Städte,/ du siehst noch eine nackte Grete,/ noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee –/ Und dann: Feld P – in Weißensee – in Weißensee.«

Und wie es der Zufall will: Als wir uns umdrehen, stehen wir vor dem Schild »Feld P«.


Text: Christian Hunziker

Fotos: Lia Darjes

 

Von Susanne Stöcker,
27.09.2016

Verlsoung

„Hallo Nachbar“ verlost drei Exemplare des Stadtführers.

Beantworten Sie einfach folgende Frage: In welchem Bezirk befindet sich der „Leise-Park“? Schicken Sie uns die richtige Lösung unter dem Stichwort »Berlins Grüne Orte« an: GESOBAU AG, Redaktion »Hallo Nachbar«, Wilhelmsruher Damm 142, 13439 Berlin. Oder per E-Mail an: hallo.nachbar@gesobau.de.

Einsendeschluss ist der 20. Oktober.

Das Buch „Berlins Grüne Orte. Stadtführer durch Berliner Parks & Gärten“ ist bei Runze & Casper erschienen und im Buchhandel für 18,90 Euro erhältlich (ISBN: 3000525157)