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Aus Fremden werden Nachbarn

Mit den Thementagen »Roma in Berlin« widmete sich die GESOBAU dem Thema Zuwanderung von Europas größter Minderheit.

Ich lebe in Berlin. In einer großartigen Stadt mit mehr als drei Millionen anderen Menschen. Wir werden täglich mehr. Manche hier nenne ich Familie und Freunde, andere nenne ich Kollegen oder Nachbarn. Die meisten jedoch bleiben mir fremd. Wir ertragen das. Ich durchquere die Stadt gern, denn in jeder Himmelsrichtung kenne ich einen Ort, an dem ich willkommen bin. Vor mehr als 30 Jahren hat es mich hierher verschlagen. Es war nicht abzusehen, ob ich nur durchreise. Ich war Heimatsucherin. Kein leichter Weg. Die Liebe hat sich eingemischt, ich blieb. Ich nenne das Glück. Ich kenne keinen Hunger, keinen Krieg. Ich darf mich auf ein Grundgesetz berufen, das mir alle Chancen gibt, mich zu entfalten. Ein »Privileg der Geburt«. Ich teile es gern, denn ich möchte gerecht sein. »Brot für alle hat die Erde«, sagte meine Großmutter immer, sie hatte Sehnsucht nach Frieden. Auch deshalb nehme ich Anteil am Schicksal derer, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung, auf der Suche nach neuen Lebensperspektiven, Arbeits- und Bildungschancen sind, die Armut und sozialer Ausgrenzung entkommen wollen.

Das kollektive »Willkommen«, mit dem wir Mitgefühl und Aufnahmebereitschaft in die Welt gerufen haben, brach fast eine Völkerwanderung vom Zaun. Wir haben nicht umsonst in aller Welt geprahlt. Jeder hofft auf seinen Anteil. Die Euphorie ist längst verflogen und dem Pragmatismus gewichen. Gut so! Die Situation darf weder »verkleistert« noch »dramatisiert« werden. Integration ist ein wechselseitiger Prozess, er setzt Bereitschaft und Verständnis voraus. Auf beiden Seiten erwarten wir etwas, hoffen und fordern, schwanken zwischen Willkommen und Abwehr, Eifer und Passivität. Im Alltag sind wir längst nicht mehr voneinander zu trennen.  Doch viele Vorurteile bleiben.

 

Vorurteile und diskriminierendes Verhalten stehen oft in engem Zusammenhang. Besonders die Gruppe der Roma bekommt das täglich zu spüren. In den Diskussionen um die Zuwanderung wird niemandem mit so vielen negativen Vorurteilen begegnet wie ihnen. Nur wer sich nicht von fremden Meinungen leiten lässt, nur wer sich selber informiert, kann Menschen mit Offenheit und ohne Angst begegnen. Mit den Thementagen »Roma in Berlin« gab die GESOBAU die Möglichkeit dazu. Im Rahmen der neuen Themenreihe »Herkommen. Ankommen. Willkommen. Unsere neuen Nachbarn« widmeten sich zehn Veranstaltungen in der VIERTEL BOX Europas größter Minderheit.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen stand das erste dezentrale Wohnprojekt Berlins: »Wohnen und Leben im Märkischen Viertel – ein integratives Wohnkonzept für Romafamilien.« Das Wohnprojekt wird seit 2015 im Reinickendorfer Stadtteil Märkisches Viertel umgesetzt. In einem Partnerschaftsvertrag haben sich die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, das Bezirksamt Reinickendorf, die GESOBAU AG und die Träger Phinove e.V. und Aufwind e.V. zur Umsetzung des Wohnprojekts verpflichtet. Bis Ende 2016 werden zehn Romafamilien, die aus Südosteuropa zugewandert sind, mit angemessenem, bezahlbarem Wohnraum versorgt und bei der Integration unterstützt.

»Integration gelingt, wenn man Menschen eine Chance gibt.« An der Wand der GESOBAU-Nachbarschaftsetage steht dieser Satz wie ein Menetekel. Im Märkischen Viertel hat man viel Erfahrung mit der Integration. 50 Jahre steht das Viertel, ist Heimat für 37.000 Menschen. Mehr als 100 Nationen wohnen in der Großsiedlung. Konflikte bleiben nicht aus, doch von Überforderung spricht niemand. Gute Nachbarschaft herzustellen, ist ein Prozess, der zwar begleitet, aber nicht voll gesteuert werden kann. Die Voraussetzungen dafür müssen geschaffen werden, die Ausgestaltung liegt indes bei jedem selbst.

Helene Böhm, Soziale Quartiersentwicklung bei der GESOBAU 


Fotos: Lia Darjes

Von Gesobau,
23.06.2016