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Ankommen im neuen Leben

Hilfe zur Selbsthilfe: Das Projekt Family Guides aus Pankow unterstützt Geflüchtete bei der Wohnungssuche, beim Deutschkurs und alltäglichen Anliegen. Das Besondere an den Guides: Sie sind selbst Geflüchtete, die ihre eigenen Erfahrungen weitergeben.

Ein Lächeln liegt auf dem Gesicht des jungen Mannes, als er zufrieden sagt »Ich denke, ich habe in der sozialen Arbeit meinen Sinn gefunden.« Youssef Alali sitzt gemeinsam mit Anja Rosswinkel und Violetta an einem Tisch in einem Eckladen im Prenzlauer Berg. Hier hat die Stützrad gGmbH, eine Organisation für Kinder, Jugendliche und Familien ihr Regionalbüro. Der 33-Jährige kam im August 2015 nach Deutschland, so wie viele andere Syrerinnen und Syrer, die vor dem Krieg in ihrer Heimat flüchten mussten.

 

 

»In Syrien habe ich BWL studiert und vorher eine Ausbildung zum Elektriker gemacht«, sagt er. »Hier wurde mir vom Jobcenter gesagt, dass ich mein Studium nicht wieder aufnehmen könne. Heute studiere ich soziale Arbeit.« Anja Rosswinkel ergänzt: »Youssef hat durch uns sein neues Berufsfeld gefunden. Ich habe ihm gesagt, dass er im sozialen Bereich arbeiten sollte. Das liegt ihm einfach.« Uns, damit meint Anja Rosswinkel das Projekt Family Guides, das 2016 ins Leben gerufen wurde.

Neben der Stützrad gGmbH stehen hinter dem Projekt die LebensWelt gGmbH und die Ostkreuz Jugendhilfe Nord gGmbH, einem Kooperationspartner der GESOBAU. »Die Idee hinter Family Guides war und ist, dass Geflüchtete ihre Erfahrungen an andere Geflüchtete weitergeben und sie so dabei unterstützen, im Alltag besser zurechtzukommen«, fasst Anja Rosswinkel das Projekt zusammen. Auftraggeber ist das Jugendamt Pankow, das sich ein Projekt gewünscht hat, bei dem Geflüchtete eingebunden werden. Heute sind es 35 Freiwillige, die in den acht Unterkünften im Bezirk Berlin-Pankow aktiv sind.

Die meisten von ihnen stammen aus Syrien, aus Afghanistan und dem Irak. »Einmal in der Woche gehen wir in die Unterkünfte, sprechen mit den Familien und helfen bei alltäglichen Problemen«, sagt Youssef Alali, der seit Beginn als Family Guide dabei ist. »Sozialarbeiter ohne den kulturellen und sprachlichen Hintergrund haben schnell gemerkt, dass sie es schwer haben, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und zu erfahren, was sie wirklich beschäftigt«, erklärt Anja Rosswinkel.

Youssef Alali ist neben seinem Studium einmal in der Woche in der Gemeinschaftsunterkunft an der Storkower Straße. Und was die Menschen dort beschäftigt, sind Probleme wie: »Wohnungssuche, Deutschkurse, Jobcenter, Arbeit und Kindergartenplätze – das sind die Hauptanliegen, die die Menschen an mich haben«, sagt er. Vor allem die Wohnungssuche ist für Geflüchtete – genau wie für viele andere in Berlin – eine große Herausforderung.

Die Family Guides erklären, welche Unterlagen für eine Wohnungsbesichtigung und -bewerbung nötig sind. Und sie weisen auf Gepflogenheiten hin, beispielsweise dass es nicht üblich ist, für eine Wohnungszusage Geld zu bezahlen. »Wir haben schon mitbekommen, dass dubiose Makler die Unwissenheit der Geflüchteten ausnutzen und horrende Geldsummen bezahlt wurden, um eine Wohnung zu bekommen.« Denn nur wer eine Wohnung findet, kann die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen und sich ein richtiges Leben aufbauen.

Eine, die das geschafft hat, ist Violetta. Sie lebt seit fünf Monaten mit ihren drei Kindern in einer Wohnung nicht weit vom Regionalbüro entfernt. »Ich bin sehr dankbar für die Hilfe von Anja und den Family Guides«, sagt die junge Frau, die ihren Nachnamen nicht verraten möchte. Sie kam 2016 mit ihren Kindern nach Deutschland, ihr Mann ist noch in Syrien. Der Antrag auf Familiennachzug ist gestellt. Durch Family Guides bekam sie auch Hilfe bei der Ummeldung, dem Mietvertrag, Strom und Versicherungen. »Es sind so viele Dinge, die man beachten und wissen muss«, sagt sie.

 

 

»Violetta ist eine absolut positive Geschichte«, freut sich Rosswinkel. »Sie hat eine Wohnung gefunden und ihre Kinder konnten rasch auf die Schulen im Kiez wechseln.« Oft genug herrsche unter den Geflüchteten aber auch Frust. »Für viele ist die eigene Wohnung eines der wichtigsten Ziele. Wenn es dort über Monate keine positiven Nachrichten gibt, ist das sehr zermürbend.« Hier sind die Family Guides gefragt. »Wir motivieren die Leute, dranzubleiben, sich auch auf den Deutschkurs oder die Jobsuche zu konzentrieren«, sagt Youssef Alali.

Er selbst hatte ebenfalls Glück. Seit etwas über einem Jahr wohnt er gemeinsam mit einem guten Freund in einer Wohngemeinschaft in Weißensee. Er ist Mieter bei der GESOBAU. »Wir haben die Wohnung sofort bekommen«, erinnert er sich. »Das war wirklich ein tolles Gefühl.« Etwa 20 Wohnungen konnten dank der Family Guides bereits vermittelt werden. Aber auch in vielen anderen Lebenslagen konnten die Family Guides helfen, nicht nur durch Gespräche. Mit Ausflügen für Frauen und Kinder, zum Beispiel ins MACHmit! Museum oder bei Festen, die in den Unterkünften stattfinden, helfen sie, die Sorgen ein wenig vergessen zu lassen.

Für Anja Rosswinkel und ihre Mitstreiter ist es ein wichtiges Anliegen, Family Guides in Pankow noch bekannter zu machen. »Etwa 60 Prozent der Geflüchteten im Bezirk kennen uns und unsere Arbeit«, schätzt sie. Aber gerne würden sie noch mehr erreichen und auch neue Partner gewinnen, um so noch mehr Hilfe zur Selbsthilfe für Geflüchtete anbieten zu können.

www.family-guides.de
www.berlin.de/jugendamt-pankow


Text: Tatjana Kulpa
Foto: Christoph Schieder

Von Redaktion,
12.12.2018