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Abschied nehmen

Ein geliebter Mensch stirbt: Angehörige und enge Freunde erleben dann Verzweiflung, Hilflosigkeit, manchmal auch Wut. Trauercafés, angeleitete oder geleitete Trauergruppen und professionelle Trauerbegleitung können helfen, den Verlust zu verarbeiten. 

Ganz sacht streicht die ältere Frau mit dem Zeigefinger über den Baumstumpf. Sie hält den Kopf gesenkt. Tränen rollen über ihre Wangen. Constantin Gröschel hat sich neben sie auf den Waldboden gesetzt, schweigt, wartet geduldig ab, bis die Frau zu ihm aufblickt. »Diese lange gemeinsame Zeit …und nun?«, fragt sie leise und fährt noch einmal über die einzelnen Jahresringe des Baumstumpfes. »Alles, was einen Ring ausgemacht hat, bleibt erhalten, nichts ist verloren«, antwortet Gröschel mit ruhiger Stimme. 

 

Neue Kraft und Trost in der Natur finden. Dabei hilft Constantin Gröschel als Gartentherapeut und Trauerbegleiter. Foto: Christoph Schieder

 

Der 50-Jährige geht mit Trauernden in die Natur, oft in den Tegeler Forst. »Durch aktive Bewegung und Wahrnehmung in der Natur können wir uns erden, Emotionen zulassen, den Kopf frei kriegen«, sagt Gröschel. Seine Initiative »Gartentrost« ist eines von verschiedenen Angeboten, die Berlinern dabei helfen, den Tod eines nahen Angehörigen oder guten Freundes zu verkraften – oder Trauer überhaupt erst einmal zuzulassen. 

»Der Verlust eines geliebten Menschen durch den Tod gehört zu den einschneidendsten Erfahrungen, die man im Leben macht«, sagt Helene Böhm, bei der GESOBAU zuständig für die soziale Quartiersentwicklung. »Ohnmacht, Verzweiflung, Verlusterlebnisse haben die Menschen noch Monate, oft sogar Jahre danach fest im Griff.« Das kennt die Sozialmanagerin aus eigenem Erleben. »Natürlich wissen wir, dass wir endlich sind – aber die meisten verdrängen es, haben Schwierigkeiten, offen miteinander über Sterben und Tod zu sprechen«, weiß Helene Böhm. 

»Manche Menschen können Trauer auch nicht sofort zulassen, spüren sie erst nach einem zeitlichen Abstand deutlicher«, sagt Monika Ludwig. Seit mehr als 15 Jahren befasst sich die Reinickendorfer Sozialpädagogin intensiv mit dem Thema Trauer. In einer freien Praxis in Waidmannslust begleitet sie in Gesprächen Menschen, die einen Verwandten oder Freund verloren haben, auf dem Weg der Trauer. »Angehörige kümmern sich oft rührend um einen Hinterbliebenen, laden ihn ein, wollen ihn neben der Trauer auch auf andere Gedanken bringen – aber es kann sein, dass das dem Trauernden gar nicht guttut, dass er in seiner besonders emotionalen Situationen darauf gar nicht eingehen kann«, sagt die 65-Jährige, die langjährig in der Familienberatungsarbeit tätig ist. »Der will sich vielleicht gar nicht ablenken, sondern den Verlust und seine eigene Kraftlosigkeit einfach in dem Moment aushalten. Und dann entsteht da plötzlich ein unendlicher Druck.« Die professionelle Trauerbegleitung schaffe einen Rahmen, »der Zeit und Raum bietet, zu verstehen und zu begreifen«. 

Manche Trauernde kämen ganz schnell nach dem Tod eines geliebten Menschen zu ihr, wenn sie noch unter Schock stünden. Andere erst nach Monaten, wenn sie das erste Weihnachtsfest, den ersten Geburtstag des Verstorbenen, den ersten Hochzeitstag nach dessen Tod allein verbracht hätten. 

»Ich versuche gemeinsam mit dem Trauernden herauszufinden, was ihn gerade besonders belastet und wie sich das verändern lässt«, erklärt Monika Ludwig. »Es geht darum, eine neue innere Beziehung zu dem Verstorbenen herzustellen.« Das brauche Zeit. Auch Rituale könnten Halt geben – wiederkehrende tägliche Handlungen wie das morgendliche Anzünden einer Kerze für den Verstorbenen, sich selbst verordnete regelmäßige Mahlzeiten, selbst wenn der Appetit fehle. »Ein kreativer Weg kann auch das Malen sein, um den eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben, zur inneren Ruhe zu finden.« Und manchmal sei es einfach wichtig, einen Platz zu finden, an dem die Trauer verortet werden könne – den Friedhof, einen Park, einen Baum. 

 

Trauerbegleiterin Monika Ludwig unterstützt Hinterbliebene dabei, den Verlust eines nahestehenden Menschen zu verkraften. Foto: Katrin Starke

 

Eine knorrige Eiche zum Beispiel. »So robust und unverwüstlich wirkte vielleicht auch der Ehepartner – und nun ist er tot. Bilder und Metaphern für den Verlust zu finden, erleichtert es vielen, darüber zu sprechen«, sagt Constantin Gröschel. Von Kindesbeinen an habe er sich mit dem Themenfeld Sterben, Tod, Verlust beschäftigt, sagt der 50-jährige Landschaftsgärtner und Gartentherapeut. Dabei habe es nie ein traumatisches Erlebnis gegeben. »Ich fand diese Tabuisierung des Todes merkwürdig, wollte das Thema nie wegschie—-ben, obwohl es Furcht einflößend ist.« 

Seit Jahren engagiert sich der Vater zweier gesunder Kinder auch in der Kinderhospizarbeit, »um etwas von dem Glück, das mir meine Kinder geschenkt haben, zurückzugeben«. Seine Art der Trauerbegleitung: Mit Menschen in der Natur nach symbolischen Bildern zu suchen, »in denen wir uns mit unserer Trauer wiederfinden«. Da führt er zu einer abgebrochenen Weide, die neue kleine Äste austreibt. »Absterben, sich erneuern und wieder vergehen ist in der Natur Alltag«, sagt Gröschel. Manchmal trifft er sich mit Trauernden in deren eigenem Garten. »Da ist der Verlust noch stärker greifbar, weil der verstorbene Ehemann vielleicht das Rosenbeet angelegt hat.« Dessen Pflege könne eine Form der Huldigung sein. »Aber man kann immmer etwas Neues anpflanzen«, einen neuen Anfang wagen. 

»Die Natur lässt alles zu, kommentiert nicht« – aber sie zeige auch die Grenzen der eigenen Verantwortung und Schuld auf. Oft würden sich Trauernde fragen, ob sie wirklich alles für den Verstorbenen getan hätten. »Ich kann alles für eine Pflanze tun, aber ob sie dann gedeiht oder eingeht, liegt letztlich nicht in meiner Macht«, antwortet Gröschel dann. Manchmal sind es zwei oder drei Trauernde, mit denen Gröschel im Park oder am See Trost sucht. Im Garten ist es meist nur ein einzelnes Familienmitglied, mit dem er sich auf Spurensuche nach Bäumen oder Sträuchern begibt, die an den Verstorbenen erinnern. 

Hilfsangebote für Trauernde

Trauerbegleiterin Monika Ludwig
Waidmannsluster Damm 181, Reinickendorf Tel.: 0172/382 78 55
praxis.ludwig@gmx.de

Gartentrost, Constantin Gröschel
Veitstraße 25, Tegel, Tel.: 030/61 74 25 72
info@gartentrost.de
www.gartentrost.de

Überblick zu Trauerangeboten in Berlin
www.hospiz-aktuell.de/informationen-und-hilfen/trauer

Hospizdienste und Trauercafés der Caritas
www.caritas-berlin.de/hospiz

 


Text: Katrin Starke
Fotos: Christoph Schieder, Katrin Starke

Tag des Krematoriums

Die beiden Berliner Krematorien öffnen zum Totensonntag am 25. November traditionell ihre Türen für Führungen, Vorträge rund um Tod und Trauer sowie besinnliche Konzerte. Architektonisch beeindrucken im Krematorium Ruhleben (Baujahr 1975) die Wandgemälde von Markus Lüppertz in der großen Trauerhalle und im Krematorium Baumschulenweg (Baujahr 1999) der Bundeskanzleramts-Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank die monumentale Kondolenzhalle mit 29 Betonsäulen um ein Wasserbecken.
www.krematorium-berlin.de


Trauer auf dem Friedhof

Für die meisten Menschen ist es nicht leicht, Abschied zu nehmen. Dennoch gehört es zum Leben dazu. Ebenso wie die Frage, wie die Trauerfeier gestaltet werden soll und wie der geliebte Mensch bestattet werden möchte. Angehörigen hilft es, wenn sie die letzten Wünsche des Verstorbenen kennen. Soll es eine Feuerbestattung sein oder doch eine Erdbestattung? Ein Besuch im Krematorium kann helfen, sich darüber beizeiten Klarheit zu verschaffen. Die beiden Berliner Krematorien laden am Totensonntag traditionell zum Tag der offenen Tür ein.

»Mehr als 80 Prozent der Berliner entscheiden sich für eine Feuerbestattung«, erklärt Stephan Hadraschek, Fachberater beim Bestattungshaus Otto Berg. Und immer mehr Menschen würden naturnahe Bestattungsformen bevorzugen – auf bestehenden Friedhöfen, aber auch Baumbestattungen oder Bestattungen auf landschaftlich gestalteten Flächen wie Ökowiesen. Der Trend gehe derzeit zudem weg vom traditionellen Einzel- oder Reihengrab, hin zu Gemeinschaftsgräbern. Die Berliner Friedhofstreuhand bietet zum Beispiel halbanonyme Ruhegemeinschaften an. Das sind gestaltete Flächen für 30 bis 70 Urnen, bei denen der Name des Verstorbenen auf einer Stelentafel oder einer Grabwand zu finden ist. Auch Memoriamgärten seien stark nachgefragt – kleine gestaltete Gärten, die von einem Friedhofsgärtner betreut werden. Der kümmert sich um jahreszeitlich wechselnde Bepflanzung, »dem Besucher wird stets etwas fürs Auge geboten«, zeigt Hadraschek einen Vorteil auf.

Auch bieten Bestattungshäuser teils Trauercafés an. So gibt es seit mehreren Jahren die Teestunde für Trauernde des Bestattungshauses Labahn in Reinickendorf, geleitet von Bestatterin und Trauerbegleiterin Carola Labahn. Manche Angehörige kämen einige Male, andere über Jahre, weiß Bestattungshelferin Manuela Gräfe. „Es geht in den Gesprächen nicht nur um den Tod.“ Die Teestunde sei eine »Einladung zu einem herzlichen Gespräch«, ein Ort auch, um der Einsamkeit zu entfliehen.

Von Redaktion,
26.09.2018

Die vier Phasen der Trauer

Erste Phase: Nicht-wahrhaben-Wollen 

Der Verlust wird verleugnet, die trauernde Person ist oft starr vor Entsetzen. Diese Phase dauert ein paar Tage bis hin zu einigen Wochen.

Zweite Phase: Aufbrechende Emotionen

Trauer, Wut, Freude, Zorn, Angstgefühle und Ruhelosigkeit wechseln einander ab. Der Ver-lauf dieser Phase hängt stark davon ab, wie die Beziehung zwischen den Hinterbliebenen und dem Verlorenen war, ob zum Beispiel Probleme noch besprochen werden konnten oder viel offengeblieben ist. Weil in unserer Gesellschaft Selbstbeherrschung ein hoher Wert ist und abhängig von familiären und gesellschaftlichen Prägungen sogar die Tendenz bestehen kann, Trauer ganz zu verdrängen, bestehen oft große Schwierigkeiten, diese Phase zu bewältigen. 

Dritte Phase: Suchen, finden, sich trennen 

In dieser Phase wird der Verstorbene unbewusst oder bewusst »gesucht«, meistens dort, wo er im gemeinsamen Leben anzutreffen war: in Zimmern, Landschaften, auf Fotos, aber auch in Träumen oder Fantasien. 

Vierte Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug

In der vierten Phase ist der Verlust so weit akzeptiert, dass der verlorene Mensch zu einer inneren Figur geworden ist. Idealerweise kann man sich dann auf neue Bindungen einlassen, weil man weiß, dass Verluste zu ertragen zwar schwer, aber möglich ist und auch neues Leben in sich birgt.
(Quelle: Otto Berg Bestattungen)