Sie sind jetzt hier:

Home / Ihr Vergnügen / Ihr Vergnügen

25 Jahre vereint

Ein halbes Jahrhundert lang war Berlin eine von vier Mächten besetzte Stadt. Welche Spuren findet man noch heute? Eine Suche nach Relikten der alliierten Streitkräfte.

Gar nicht so leicht zu finden, die russischen Freunde. Vom Bahnhof Karlshorst geht es durch idyllische und leere Sträßchen, so idyllisch und leer, dass sich weit und breit niemand findet, den man fragen könnte. Irgendwann weist dann doch ein Schild den Weg zum Deutsch-Russischen Museum, von dem viele Berliner gar nicht mehr wissen, dass es überhaupt noch da ist. Berühmter als das Museum an sich ist sein Kapitulationssaal. Wilhelm Keitel hat hier am 9. Mai 1945 die bedingungslose deutsche Niederlage eingestanden und damit den Zweiten Weltkrieg auch offiziell beendet. Hitlers Überfall auf die Sowjetunion ist das Thema einer Dauerausstellung im Russischen Museum, das vor einem Jahr nach einer aufwändigen Sanierung wieder eröffnet wurde. Die Sowjetunion existiert nicht mehr, aber sie hat sehr wohl ihre Spuren in Berlin hinterlassen. Wie auch die Engländer, US-Amerikaner und Franzosen, alle hatten sie mal Soldaten hier stationiert.

 

Französischer Sektor
Von der alliierten Präsenz in Wedding und Reinickendorf zeugen heute noch die blauen Straßenschilder in den Wohnquartieren rund um den Flughafen Tegel. In der Rue Montesquieu oder der Avenue Charles de Gaulle wohnten früher französische Soldaten. Das Deutsch-Französische Volksfest hat sich bis heute gehalten, es erlebte 1963 neben dem Flughafen Tegel seine Premiere und feierte gerade erst seine 53. Auflage. Im Jahr 2000 sind die Veranstalter einmal quer über die Autobahn auf das neu errichtete Zentrale Festgelände umgezogen. Vor dem Centre Français, der kleinen Schwester des Maison de France an der Müllerstraße, kündet immer noch ein Mini-Eiffelturm vom Ruhm der Grande Nation. Der Kinosaal, 1958 erbaut, war ursprünglich nur Soldaten und Angehörigen zugänglich, öffnete sich aber schon vor der Wende der Allgemeinheit. Nach der deutschen Wiedervereinigung ging das Kino in den Besitz der Bundesrepublik über und hielt den Betrieb lange aufrecht, aber 2007 war erst einmal Schluss. Jetzt aber lebt die Tradition wieder auf. Vor ein paar Monaten haben zwei Frauen den Saal übernommen und bitten jede Woche von Donnerstag bis Sonntag ins »City Kino Wedding«.

Amerikanischer Sektor
Den breitesten Raum in den Zeiten der Teilung nahmen die Amerikaner ein. Über Jahrzehnte prägten sie den Südwesten Berlins, mit ihren Bars und Clubs und Kasernen, die natürlich nicht Kasernen hießen, sondern Barracks. Fester Bestandteil des öffentlichen Lebens waren auch das Deutsch-Amerikanische Volksfest auf der Truman Plaza an der Clayallee, Amerikahaus und Amerika-Gedenkbibliothek. Weltweite Bekanntheit genoss der Flughafen Tempelhof, er trug in der Alliierten-Sprachregelung allerdings den offiziellen Namen Tempelhof Air Base. Und am mit Trümmern aufgeschütteten Teufelsberg lauschten die Spezialisten der National Security Agency den Funkverkehr bis weit nach Osteuropa ab. Die Abhöranlagen rotten seit 1991 unbeachtet vor sich hin. In den einstigen Barracks von Steglitz und Zehlendorf sind komfortable Eigentumswohnungen entstanden. In das Amerika-Haus an der Hardenbergstraße ist vor einem Jahr die Fotogalerie C/O Berlin gezogen. Aus der Tempelhof Air Base ist das weltgrößte Biotop mit angeschlossenen Start- und Landebahnen geworden. Und das Deutsch-Amerikanische Volksfest gibt es noch immer, aber nicht mehr am alten Standort neben dem Alliiertenmuseum. Gefeiert wurde auch in diesem Sommer wieder an der Heidestraße, im ehemals britischen Sektor.

Britischer Sektor
Von den Briten war zu Viermächtezeiten eher wenig zu sehen. Sie zogen sich gern zurück und blieben unter sich. Hinter Zäunen und Mauern oder im British Officers’ Club an der Thüringer Allee, wo vor dem Krieg der Berliner Schlittschuh-Club residiert hatte. Der Flugplatz Gatow, nach dem Krieg von der Roten Armee im Tausch gegen ein Stück Staaken erworben, war für die Berliner Zivilbevölkerung tabu. An der Charlottenburger Chaussee bauten sich die British Forces für ihre Manöver sogar eine eigene »Fighting City«. Heute übt dort im Ruhlebener Schanzenwald die Berliner Polizei, auch das einst weitgehend von den Briten besetzte Olympiagelände ist längst in den Besitz des Senats übergegangen. Auf den Pisten von Gatow wachsen Einfamilienhäuser. Der Offiziersklub an der Thüringer Allee macht sich als International Club Berlin um das Wohl der höheren Gesellschaft verdient. Und im früheren Kinosaal der britischen Streitkräfte am Theodor-Heuss-Platz betreibt seit ein paar Jahren Dieter Hallervorden sein Kabarett-Theater »Die Wühlmäuse«.

Sowjetischer Sektor
Weitgehend unbemerkt, aber doch großflächig vorhanden ist die Präsenz der untergegangenen Sowjetunion. Das liegt schon mal daran, dass sich die Bundesrepublik gegenüber dem Rechtsnachfolger vertraglich verpflichtet hat, die sowjetischen Ehrenmale zu pflegen, sie stehen im Tiergarten, im Treptower Park und gleich zweimal in Pankow. Über 27.500 Quadratmeter erstreckt sich die Gedenkstätte in der Schönholzer Heide, wo sich während des Zweiten Weltkriegs ein riesiges Zwangsarbeiterlager befand. Stilprägend sind ein 33,5 Meter hoher Obelisk und die Gräber von 1182 im Kampf um Berlin gefallenen Rotarmisten. Sehr viel kleiner ist das Ehrenmal in Buch, ein pyramidenartiges Gebäude in einem abgegrenzten Teil des Schlossparks, es erinnert in seiner Architektur an die benachbarte Schlosskirche. Beide Anlagen sind nach der Wende vom Land Berlin aufwändig saniert worden.

Und dann ist da noch Karlshorst.
Ah, Karlshorst … Ein mystischer Name, er klingt für die Russen wie Arlington für die Amerikaner. Der nördliche Teil der einstigen Villenkolonie war mal, von 1945 bis 1962, eine Art sowjetische Exklave in Berlin, bis in die neunziger Jahre hinein wohnten hier in der Zwieseler Straße russische Soldaten und Zivilisten und ihre Familien. Die letzten Soldaten zogen 1994 ab, aber ein Besuch in Karlshorst gehört für russische Touristen bis heute zum Pflichtprogramm.

 

Text: Sven Goldmann

Fotos: Bild 1: avda-foto.de/Creative Commons, Bild 2: City Kino Wedding, Bild 3: Wikipedia (Bajan Zindy), Bild 4: Wikipedia (Andreas Teutsch), Bild 5: Shutterstock

Von Susanne Stöcker,
22.09.2015