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Wohnen in Wien

Wiener tauschen Neuigkeiten über Wetter und Politik statt auf der Treppe im »Stiegenhaus« aus, der Laubengang heißt in Wien »Pawlatsche« und der soziale Wohnungsbau »Gemeindebau«. Wien und Berlin – ein Vergleich.

Will man einen Vergleich zwischen Wien und Berlin starten, stellt sich als erstes die Frage: Steckt hinter den unterschiedlichen Bezeichnungen nur der charmante Wienerische Wortlaut oder gibt es auch Unterschiede in der Bedeutung der Begriffe? Im ersten Fall ist die Frage leicht mit einem Nein zu beantworten. Stiege oder Treppe dienen der Erschließung eines Hauses und bringen hier wie dort die Bewohner zu ihren Wohnungen. Beim Laubengang- versus Pawlatschenhaus wird die Antwort schon schwieriger. Das Pawlatschenhaus (der Begriff »Pawlatsche« kommt aus dem Tschechischen und bedeutet so viel wie »offener Hauseingang«) besitzt im Donauraum eine lange Tradition und bezeichnet ein Haus, das über offene Gänge um einen Innenhof erschlossen wird. Laubengang wie Pawlatsche sind eine platz- und kostensparende Alternative zum klassischen Berliner Treppenhaus, da über die außen liegenden Gänge viele Wohnungen erschlossen werden können. Darüber hinaus bieten sie ihren Bewohnern einen wohnungsnahen Außenbezug, der zudem als Sonnen- und Regenschutz dient. Und doch hat die traditionelle Wiener Pawlatsche dem Berliner Laubengang etwas voraus: In Wien waren früher auf dem Gang auch Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht, wie die gemeinsame Wasserzapfstelle, Bassena genannt, die gemeinsame Gangküche und das gemeinsame WC.

Obwohl Bassena und Gangküche längst Vergangenheit sind, spielt der Gemeinschaftsgedanke im Wiener Gemeindebau auch heute noch eine große Rolle. So ist z.B. jeder Mieter auch Mitbesitzer des Grundstücks, auf dem seine Mietwohnung steht oder errichtet werden soll, und trägt mit einem Eigenmitteleinsatz von bis zu 500 €/m² zur Grundstücksfinanzierung bei. In der Regel sind die Mieter von Gemeindebauten in Wohnungsbaugenossenschaften organisiert. Dadurch sind sie in Modernisierungs- und Umbauprozesse eingebunden oder haben bei einem Neubau schon in der Planungsphase ein Mitspracherecht. Gute Baugrundstücke – teilweise in den besten Lagen der Stadt – stellt die Kommune über den kommuneeigenen Wohnfonds zu relativ günstigen Konditionen zur Verfügung.

Gewachsen aus der Historie
Neben der energetischen Modernisierung historischer Gebäude ist der Neubau von kostengünstigem Wohnraum fest in der Gemeindepolitik Wiens verankert. Während die Geschichte Berlins durch zahlreiche Brüche und Neuanfänge einer geteilten und wiedervereinigten Stadt gekennzeichnet ist, hat Wien seit Ende des ersten Weltkriegs kontinuierlich den Bau bezahlbarer Mietwohnungen gefördert – angefangen vom Bau großer innerstädtischer Wohnhöfe, den sogenannten »Superblocks« des »roten Wiens« aus den 1920er Jahren bis hin zu aktuellen Wohnungsbauprojekten, die durch gemeinnützige Baugesellschaften organisiert werden. Mit sogenannten Bauträgerwettbewerben, bei denen sich Bauträger, Planer und Baufirma mit einem gemeinsamen Planungs-, Ausführungs- und Kostenangebot für die Erstellung von Wohnraum bewerben, will die Stadt vielfältige Lösungsansätze umsetzen. Die vorgelegten Konzepte werden von einer Expertenkommission auf Wirtschaftlichkeit, soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie architektonische Qualität geprüft und ausgewählt. In Berlin wäre ein solches Verfahren, bei dem alle Beteiligten von vornherein feststehen, nur schwer mit dem in Deutschland geltenden Vergaberecht vereinbar.

Leben auf engem Raum
Neubauwohnungen werden in Wien im Schnitt 10-15 Quadratmeter kleiner geplant und dicht zusammen angeordnet. »In Wien sind die Menschen eher bereit, engere Wohnverhältnisse und eine hohe städtebauliche Dichte zu akzeptieren«, berichtet der Architekt Oliver Scheifinger, der sich zusammen mit seinem Büropartner Otto Höller seit vielen Jahren mit dem Bau bezahlbarer Wohnungen beschäftigt. Die Entwürfe der beiden Architekten für kostengünstigen Wohnungsbau sind in jeglicher Richtung optimiert: Sieben bis acht Wohnungen gruppieren sich auf neun Etagen um ein zentrales Treppenhaus. In den Wohnungen selbst wird jeder Quadratmeter, der nicht nötig ist, eingespart: Die Küche wird Teil des Wohnzimmers und der nicht mehr notwendige Zwischenflur Balkonen oder Terrassen zugeschlagen. Ein Kinderzimmer beträgt in Wien 10, in Berlin 12 m², ein Elternschlafzimmer hat durchschnittlich 12 statt 14 m². Trotzdem muss jedes Zimmer mit Standardmöbeln einzurichten sein: Doppelbett, Schrank und Wohnzimmersofa sollen trotz minimierter Grundrissgestaltung ihren ordentlichen Platz finden.

Berlinerinnen und Berliner hingegen bevorzugen im Innenstadtbereich eher eine fünfgeschossige Blockrandbebauung mit zwei bis drei Wohnungen pro Etage, das Wohnen in viergeschossigen Zeilenbauten inmitten grüner Gärten oder im Hochhaus mit Weitblick. Ungern wollen Gebürtige wie Zugezogene auf die liebgewordenen Brachflächen der Stadt verzichten, die – einmal durch Kriegszerstörung und den Bau der Berliner Mauer entstanden – irgendwann zu temporären Kunst- und Kultureinrichtungen, coolen Eventorten oder schlicht zum innerstädtischen Freizeitvergnügen umgenutzt worden sind.

Um dem wachsenden Wohnraumbedarf gerecht zu werden, wird auch in Berlin das Thema Nachverdichtung angegangen: 30.000 neue Wohnungen werden in der laufenden Legislaturperiode gebaut. Unter dem Arbeitstitel »Urban Living – Neues Wohnen in Berlin« sucht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in Zusammenarbeit mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin dabei auch nach neuen Formen für das zukunftsfähige Wohnen in der gemischten Stadt. Oberste Prämisse: Das Wohnen soll für breite Schichten der Bevölkerung erschwinglich sein und neue Wohnbedürfnisse aufnehmen.

 

Text: Regina Jost
Fotos: Peter Gugerell (Bild 3), Austriantraveler, beide Wikimedia Commons (Bild 4)
Von Gesobau,
17.06.2015

Der Wiener Gemeindebau

Die Stadt Wien besitzt bei 1.794.770 Einwohnern rund 220.000 Gemeindewohnungen und ist damit die mit Abstand größte Hausverwaltung Europas. Heute lebt etwa jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau. Bei den Gemeindewohnungen treten die Gemeinden selbst als Bauherr und Vermieter auf, jeder Mieter ist aber auch Mitbesitzer des Grundstücks, auf dem seine Mietwohnung steht, und trägt mit einem Eigenmitteleinsatz von bis zu 500 €/m² Wohnfläche zur Grundstücksfinanzierung bei. Besonders charakteristisch für die großen Wohnhöfe sind neben ihrer expressiven Architektur die gemeinschaftlichen Sozialeinrichtungen wie Waschküchen, Badehäuser, Kindergärten, Lebensmittelgeschäfte, Bildungseinrichtungen, Fürsorge- und Gesundheitseinrichtungen und Arztpraxen. Durch die architektonisch groß-zügigere Bauweise und die gestiegenen Bau- und Grundstückskosten stiegen auch die Mieten. Mit der Wiener Wohnbauförderung stellt die Stadt jährlich Fördermittel für die Neuerrichtung von Wohnraum, die Sanierung von bestehenden Altbauten und die direkte finanzielle Unterstützung von Menschen mit niedrigem Einkommen zur Verfügung.