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Tief unter Berlin

Exkursion ins Dunkle: Durch die Röhren der Berliner U-Bahn, durch die Kanalisation, in die alten Luftschutzkeller und Tiefbunker: Die Hauptstadt hat so einiges an Untergründigem zu bieten. »Hallo Nachbar« ist herabgestiegen.

 

U-Bahnhof Deutsche Oper. Der große Zeiger der Bahnsteiguhr springt weiter: 22:16 Uhr. Normalerweise ist um diese Uhrzeit hier längst Ruhe eingekehrt – außer wenn sich Opernbesucher in den Untergrund ergießen. An diesem Freitagabend stehen Dutzende von Menschen am Bahnsteig. Nicht im Anzug oder schicken Abendkleid. Sondern mit festen Schuhen und dicken Jacken. Kurz darauf zieht eine orange-rote Akku-Lok das U-Bahn-Cabrio in die Station: drei offene Plattformwagen mit Plastikschalensitzen, Dach und Wände fehlen. BVG-Mitarbeiter verteilen gelbe Helme und Kopfhörer. Obwohl für diese Sondertour in den Bauch der Stadt die Beleuchtung in den Schächten eingeschaltet ist, wirkt es schummrig. Und da ist er auch, dieser typische Geruch, den jeder kennt, der mal auf einem dieser Gitter gestanden hat, durch die der Luftzug der im Untergrund vorbeifahrenden Züge nach oben auf die Straßen zieht.

Die Fahrten im U-Bahn-Cabrio der BVG sind heiß begehrt. Foto: Juergen Heinrich

Gerade noch war es stickig, doch kaum hat sich das Cabrio in Bewegung gesetzt, zieht der Sitznachbar den Reißverschluss seiner Fleecejacke hoch. Der Fahrtwind sorgt für eine frische Brise, obwohl das Cabrio mit maximal 35 Sachen fährt. Noch kühler wird es in den Abschnitten, in denen der Zug die Spree unterquert. Ab und an blaue Lichter. »Die weisen den Weg zu den Notausgängen«, erklärt die Stimme im Kopfhörer. Auf dem Nachbargleis kommt dem Cabrio ein Zug des Linienverkehrs entgegen. Abzweigungen, Nebengleise, Einstiege zu Notausgangtunneln, dazwischen die langsamen Durchfahrten durch die Bahnhöfe, die erstaunten Blicke Wartender.

Blick in die Tiefe
Über einen U-Bahnhof geht es auch in eine andere Unterwelt: Die grüne, stählerne Tür im U-Bahnhof Gesundbrunnen ist unauffällig. Hunderte von Menschen laufen täglich daran vorbei, ohne zu ahnen, dass sich dahinter Schutzräume befinden, die in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs Tausenden Menschen Schutz boten.

1998 haben hier die »Berliner Unterwelten« ihr Museum eröffnet. Gleich gegenüber der Flakturm am Humboldthain, den die Alliierten in der Nachkriegszeit nicht sprengten, weil die nahegelegenen Gleisanlagen nicht beschädigt werden durften. Seit 2004 führen Vereinsgründer Dietmar Arnold und seine Mitstreiter Besucher durch drei der sieben Geschosse der größten Bunkeranlage Berlins. Von freitragenden Abdeckungen und Brücken blicken Besucher in die Tiefe. Schwindelerregend.

In den ehemaligen AEG-Versuchstunnel, den ersten U-Bahn-Tunnel Deutschlands, führt die jüngste Tour des Vereins »Berliner Unterwelten«. Foto: Holger Happel

Die bislang jüngste Tour des Unterwelten-Vereins führt durch den ehemaligen AEG-Versuchstunnel, den ersten U-Bahn-Tunnel Deutschlands. Nicht weniger beeindruckend: der Rundgang durch den Fichtebunker in Kreuzberg. Bis in die NS-Zeit diente der 1884 errichtete Gasometer der städtischen Straßenbeleuchtung. 1949 wurde ein sechs Etagen umfassender »Mutter-Kind-Bunker« mit einer drei Meter starken Decke eingebaut. »Zunächst bot er 6.500 Müttern und Kindern eine sichere Schlafstätte, in den letzten Kriegsmonaten drängten sich in seinem Innern bis zu 30.000 Menschen«, weiß Arnold. Nach dem Krieg diente der Bunker als Auffanglager, Gefängnis, Altenheim und Obdachlosenasyl. Die kahlen Betonwände, die mit schwarzer und roter Farbe aufgepinselten Wegweiser in den schmalen Gängen – alles original erhalten.

 

Pritschen für Tausende Berliner
Ebenso wie die Pritschen im Atomschutzbunker unterm Ku‘damm-Karree. Mehrstöckige Schlaf- und Ruhepritschen für 3.592 Menschen. Die sollten hier Zuflucht finden, falls es in Zeiten des Kalten Krieges zu einem Atomschlag zwischen West- und Ostmächten gekommen wäre. Eine halbe Stunde dauern die Führungen durch den Bunker. 14 Tage sollten die Menschen im Notfall darin ausharren – bei Temperaturen um die 40 Grad, mit nur je zwei Sanitärräumen für Männer und Frauen.

Dorthin, wo auch die menschlichen Hinterlassenschaften landen, laden die Wasserbetriebe alljährlich ein: Zum »Tag des offenen Kanals« öffnen sie einige ihrer Kanaldeckel und lassen Besucher in die Tiefe steigen. Auch wenn die Hälfte der Berliner Kanäle, die zusammengenommen die Hauptstadt auf 9.400 Kilometern durchziehen, Schmutzwasserkanäle sind: Zum Kanal-Tag lassen die Wasserbetriebe eher in Regenüberlaufkanäle blicken – der Geruchsbelästigung wegen. Ein paar Hundert Meter weit stapfen die Besucher dann durch die fünf Meter hohen Röhren aus roten Klinkersteinen – die fast an Kirchenbauwerke erinnern, wäre da nicht die trübe Brühe, die sich durch die Rinne in der Kanalmitte ergießt.

Auch einer der alten Wasserspeicher, die im Rahmen der »Stadthygiene« ab 1853 in Prenzlauer Berg errichtet wurden und zu DDR-Zeiten als Lager für Lebensmittel und »West-Fahrzeuge« dienten, ist zugänglich. Der Verein »unter-berlin« führt in die Gewölbe des kleinen Wasserspeichers. Und in den Keller der ehemaligen Königstadtbrauerei, der während des Krieges unter dem Decknamen »Lore III« für die Herstellung von Waffen und zu DDR-Zeiten zur Zucht von Champignons genutzt wurde.


Berliner Unterwelten e. V.
Täglich verschiedene Führungen sowie Dauerausstellung. Brunnenstraße 105 (U-Gesundbrunnen), Wedding, Tel.: 030/49 91 05 17,
www.berliner-unterwelten.de

Prenzlauer Berg von unten

unter-berlin e.V. , Tel.: 030/55 57 07 51
www.unter-berlin.de

Tour mit dem U-Bahn-Cabrio
BVG, Tel.: 030/256 25 256, Anmeldung:
www.bvg.de 

Längerfristige Buchungen empfehlenswert, die Touren sind oft über Wochen ausgebucht. Regulärer Preis pro Person: 50 Euro

Atomschutzbunker unter dem Erlebnismuseum – The Story of Berlin
Kurfürstendamm 207–208,
Charlottenburg, Tel.: 030/88 72 01 31,
www.story-of-berlin.de

Tag des offenen Kanals
Im späten Frühjahr 2018,
Berliner Wasserbetriebe, www.bwb.de

Buchtipp
Niko Rollmann: »Unter Berlin. Verborgene Orte im Untergrund der Stadt«, Jaron-Verlag, 96 Seiten, 12,95 Euro. Der Historiker Niko Rollmann ist Vorsitzender des Vereins »Unter Berlin«. Der Autor führt in seinem Buch unter anderem in die Parochialgruft, wo steter Luftzug jahrhundertealte Leichname mumifiziert, begibt sich auf die Spuren eines CIA-Spionagetunnels oder steigt in einen ABC-Bunker hinab.

 

 

 

 

 


Text: Katrin Starke

 

 

Von peter.polzer,
26.09.2017