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Menschen im Viertel

Freitagnachmittag. Wir begleiten Straßensozialarbeiter, neudeutsch Streetworker, Murat Drayef und Kollegin Christin Krüger im Märkischen Viertel. Auch ein Filmteam ist dabei. Ein Beitrag für die Reihe »Menschen im Kiez« soll entstehen. Wir haben Murat, Christin und dem Team hinter der Kamera über die Schulter geschaut.

Egal, ob die Kamera läuft oder nicht, Murat macht seinen Job wie immer: engagiert, empathisch, authentisch. »Ich bin nun mal wie ich bin«, sagt er. »Ich nehme kein Blatt vor den Mund und spiele kein Theater. Was ich sage, das meine ich so. Alles andere wäre in meiner Arbeit mit Jugendlichen auch völlig fehl am Platz.« Vor vier Jahren kam er als Quereinsteiger zum Gangway e.V. und damit zur Sozialarbeit auf der Straße. Und genau hier fühle er sich nicht nur wohl, hier könne er auch etwas bewirken.

Murats Eltern siedelten Ende der 60er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland über. Er selbst ist in Berlin geboren. 1978 zog die Familie ins Märkische Viertel. Das sei damals eher trist und grau gewesen. Kein Vergleich zu heute. Murat sagt über sein Viertel: »Das MV tickt voll cool, fast wie eine eigene Stadt.« Und fügt noch hinzu, dass er sich eigentlich gar keinen besseren Ort vorstellen könne.

Das A und O heißt Vertrauen
Bereits am Skaterplatz wird das deutlich. Hier trifft das Streetworker-Duo auf viele bekannte Gesichter, wird freundschaftlich mit Handschlag begrüßt. Unter anderem von Tony. Der 20-Jährige ist zum Biken hier. Murat fragt: »Hey, was geht, lange nicht gesehen?« »Hatte zu tun. Mit der Ausbildung und so.« Murat wartet ab, lässt den Jugendlichen von sich aus erzählen. »Wir drängen niemanden, alles ist freiwillig. Anders gesagt: Niemand muss mit uns reden, aber jeder kann sich uns anvertrauen.« Vertrauen ist ein wichtiges Stichwort für den Streetworker. »Mit dem Vertrauen, das uns die Jugendlichen entgegenbringen, gehen wir äußerst sorgsam um. Es ist die Basis unserer Arbeit.« Wie man es erreicht? »Durch Dasein und Zuhören. Durch Akzeptanz auf Augenhöhe. Und durch viel Feingefühl.« Das alles falle dem 43-Jährigen nicht schwer. »Weil ich am Ende genauso bin wie sie, nur eben inzwischen ein Stück älter«, sagt er mit einem Augenzwinkern.

In allen Lebenslagen
Ungefähr 40.000 Menschen leben im Kiez, darunter etwa 9.000 Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten und Altersklassen. »Wir betreuen rund 540 Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren.« Murat beschreibt, was betreuen heißt: »Wir sind dort, wo sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit aufhalten, gehen auf sie zu, hören zu, hinterfragen Wünsche und Probleme, halten den Kontakt, versuchen zu unterstützen. Und das in allen Lebenslagen.« Wie oft tue es gut, einfach mal mit jemandem zu quatschen, sagen zu können wie man sich fühlt. Aber es gibt auch gemeinsame Aktionen: zum Beispiel Grillnachmittage oder Kinobesuche. »Unsere Arbeit hat viele Gesichter«, sagt Murat. Da werde ein Job, ein Ausbildungs- oder ein Studienplatz gesucht. Da gebe es Probleme in der Schule oder zu Hause. »Und manchmal eben auch diese tückische Langeweile, die zu Aktionen führen kann, auf die man hinterher nicht mehr stolz ist«, so Murat. Zum größten Teil sind die Wünsche der jungen Leute aus dem Kiez nicht außergewöhnlich. »Sie brauchen Raum für sich: zum Abhängen und Chillen oder eben, wie hier am Skaterplatz, zum Auspowern.«

Tony hat derweil für die Kamera ein paar Kunststücke auf seinem BMX-Rad gezeigt. Jetzt plaudert er mit Murat über seinen Traum, Streetwear zu kreieren. »Wenn das alles bloß nicht so viel kosten würde!« Auf dem Smartphone zeigt er erste Entwürfe. »Nicht schlecht«, befindet Murat. »Bleib unbedingt dran!« Kollegin Christin will recherchieren, ob es vielleicht Fördermittel gibt. »Lass uns das mal in Ruhe bequatschen.« Die drei verabreden sich zu einer der Sprechstunden, die die Streetworker jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr im Streethouse in der Schluchseestraße 46 anbieten.

Türöffner
Murat erzählt, dass es oft darum gehe, das Selbstwertgefühl der jungen Menschen zu stärken. »Da musst du einfach rüberbringen, hey, ich glaub an dich, du kannst das schaffen.« Denn genau das sei das Ziel ihrer Arbeit: Die Jugendlichen sollen ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen. Sie sollen an sich glauben. An ihre Stärken. »Oft leichter gesagt als getan«, kommentiert Murat. Auf jeden Fall nichts, was von heute auf morgen gelinge. Da heißt es Dranbleiben, immer wieder Türen zu öffnen. Hindurchgehen müssen die Jugendlichen selbst. »Wir unterstützen sie dabei, aber wir zwingen zu nichts. Wir sind ein Rädchen in einem Getriebe. Manchmal die entscheidende Stellschraube, der Anstoß, der gefehlt hat. Ein anderes Mal schaffen wir es nicht. Da ist der Sand im Getriebe hartnäckig und der Grat, auf dem man sich bewegt, schmal.«

Auf dem Skaterplatz hat sich Benjamin mit seinen Inlinern dazugesellt. »Ich bin fast jeden Tag hier«, erzählt der 25-jährige Vater von zwei kleinen Kindern. Hier könne er sich Auspowern und zugleich die Seele baumeln lassen. Jobtechnisch laufe es bei ihm gerade eher suboptimal. Sein Traum? »Zweiradmechaniker«, sagt er. Aber der erste Schritt dahin fällt schwer. Vielleicht können die Streetworker ja helfen? »Vielleicht.« Noch hat Benjamin nicht mit ihnen gesprochen. »Wir sind da, wann immer du willst«, lässt Murat ihn wissen. In die Kamera sagt er: »Unsere Arbeitszeit ist die Freizeit der Jugendlichen. Unser Arbeitsort ihre Plätze hier im Kiez.« Jetzt machen sich Murat und Christin auf den Weg zur nächsten Station, der comX Jugendfreizeitstätte im Märkischen Viertel. Schon sehr bald werden sie wieder hier im Skaterpark sein.

 

Fotos: Lia Darjes, Text: Kathleen Köhler
Von Gesobau,
17.06.2015

Den Kurzfilm über Murat und Christin sowie weitere Portraits von Menschen aus dem Viertel gibt es unter www.mein-maerkisches-viertel.de