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Ein Kiez, fünfzig Ideen

Aber hallo, Weißensee: Das Projekt »Gründerzeit 2.0« vernetzt Geschäfte und Einrichtungen mit liebevollem Entdecker-Stadtplan und temporärem Laden.

Die Dielen frisch abgezogen, der Raum weiß gemalert. An den Wänden 50 hölzerne Boxen. In einer Kiste ein Kaffeeservice aus schlichtem Porzellan. In einer anderen zwei Flaschen Wein. In einer weiteren Box ein Strauß bunter Lebkuchenblumen. Daneben eine senkrecht aufgestellte Zündkerze. Jede Kiste ein Schaukasten – für ein Weißenseer Geschäft, ein Atelier, eine kulturelle oder soziale Einrichtung. Was alle 50 Läden eint: Sie sind zu finden in der zweiten Auflage des Entdecker-Stadtplans »Aber hallo, Weißensee«. Und sie alle präsentieren ihre Produkte und Dienstleistungen im »Gründerzeitladen«, dem Pop-up-Store an der Langhansstraße 18.

Weißensee mausert sich. Das »neue Prenzlauer Berg« lockt Kreative an, Cafés und Läden junger Existenzgründer siedeln sich neben alteingesessenen Geschäften an.

 

Bei »Friedas Glück« in der Lindenallee machen beispielsweise frische Waf- feln und liebevolle Geschenkideen tatsächlich ziemlich glücklich.

Porzellan, Wein – und eine Gießerei

Die »Gründerzeit 2.0« sei angebrochen, sagen die drei jungen Frauen, die 2015 einen Selbstständigen-Stammtisch ins Leben riefen: Grafikerin Anka Büchler, Designerin Julia Roth und Texterin Christiane Kürschner. Ihr erstes Projekt: der Stadtplan. »Damit wir alle besser wahrgenommen werden.« Die Idee kam im Kiez so gut an, dass jetzt die zweite Auflage in den teilnehmenden Läden ausliegt. Finanziell unterstützt wurde der Neudruck von der GESOBAU. Nicht die einzige Förderung: »Gründerzeit 2.0« ist eines der Gewinnerprojekte im Wettbewerb »MittendrIn Berlin!«, den das Land Berlin mit der Industrie- und Handelskammer und privaten Partnern ausgelobt hatte. Verbunden mit dem Sieg: 35.000 Euro. »Deswegen gibt es den Stadtplan jetzt auch als Onlineversion«, freut sich Kürschner. Und: Dank der Finanzspritze konnte auch der Gründerzeitladen eingerichtet werden – als temporäres Domizil der Initiative. Bis zum 29. September ist er Showroom und Veranstaltungsort. Für Ausstellungen, Workshops, Seminare.

»Dem Kiez zeigen, was es alles gibt und Selbstständige miteinander in Kontakt bringen«, umreißt Kürschner als Ziel. Das Konzept scheint aufzugehen: Porzellandesignerin Andrea Methner (Designlabel »Ella von Berg«) lädt mit Weinhändler Stephan Krause (»Terra Vinaria«) zum Sonntagsbrunch, Alicja Gruner stellt in ihrem Geschäft »Balsam Kosmetik« Werke der Künstlerin Skadi Engeln aus, die in der alten Fleischerei in der Großen Seestraße arbeitet. Eine noch engere Vernetzung wünscht sich Anke Schirlitz, die vor zwei Jahren die Kunstgießerei und Galerie Flierl übernahm und seither mit Rico Rensmeyer die Geschicke führt. Die »Gründerzeit 2.0« sei eine fantastische Sache. »Viele kommen zu uns auf den Hof, die vorher gar nicht wussten, dass die Gießerei seit 2006 hier sitzt«, sagt Schirlitz.

 

So bunt wie der Kiez ist auch das Regal bei »Bunte Fetzen« in der Herbert-Baum-Straße.

Bunte Stoffe und Retroroller

Begeistert vom Projekt ist auch »Bunte Fetzen«-Chefin Petra Jordan. Weißensee ist die Geburtsstätte ihres Stoffladens samt Nähschule, auch wenn es das Gründungsgeschäft an der Langhansstraße nicht mehr gibt. Dafür aber neben zwei Filialen in Köpenick und Prenzlauer Berg den Laden an der Herbert-Baum-Straße. Mit mehr als 2.000 Stoffen. Und Nähkursen, »in denen wir Berlinern, aber auch Leuten von außerhalb Grundwissen bis hin zur Perfektion« vermitteln, sagt die gelernte Herrenschneiderin. In den Sommerferien können auch Kinder das Nähen lernen: »In einfachen Schritten wird ein Aufbewahrungstäschchen genäht.«

Anders als Jordan ist Alex Bonald zum ersten Mal im Kiezstadtplan vertreten. Der 43-jährige Exportschwabe trägt die Verbundenheit zu seiner Stuttgarter Heimat im Namen seiner Firma: »Heilig’s Blechle«. 2010 sattelte der Karosseriebauer von alten Autos zu Oldtimern auf zwei Rädern um. Er ist die Berliner Institution, wenn es darum geht, klassische Motorroller wieder fit zu machen. Die Lambretta aus den 60er-Jahren ebenso wie die kultige Vespa aus den 70ern. 2014 zog Bonald an die Weißenseer Industriebahn-Adresse. Mit dem neuen Stadtplan habe er selbst so manchen Laden erst entdeckt. »Da sind ja Sachen dabei, die habe ich Weißensee gar nicht zugetraut«, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Ob er damit vielleicht die handgemachten Lebkuchen meint, die Grafik-Designerin Josepha Gehrke in ihrem Geschenkeladen-Café »Friedas Glück« anbietet? Die backt Mitarbeiterin Monika Strauch. Auch auf Bestellung, für Hochzeiten oder Kindergeburtstage: Herzen mit Zuckerguss in rot und weiß, Lebkuchen in Biene-Maja-Optik, als Füchse oder Eulen. Im Café in Szene gesetzt von Lampen, die Künstlerin Anka Büchler aus Tassen und Schüsseln aus DDR-Produktion gestaltet hat.

 


Text: Katrin Starke 
Fotos: Daniel Devecioglu, Laura Jost Photography 

Von peter.polzer,
28.06.2017

Aber hallo, Weißensee:
Mehr über das Projekt und auch den Entdecker-Stadtplan findet man unter:
www.aber-hallo-weissensee.de

Sommerfest im Hinterhof
Beim traditionellen Sommerfest des Kunst- und Kultursalons »Sepp Maiers 2raumwohnung« präsentieren auch einige Teilnehmer des Weißenseer Entdecker-Stadtplans ihre Projekte und Ideen. Dazu gibt’s Musik,
Kinderprogramm sowie Leckereien.

8. Juli ab 16 Uhr, Sepp Maiers 2raumwohnung, Langhansstraße19, Weißensee