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Die stille Heldin

Eine Gedenktafel am GESOBAU-Haus in der Tegeler Straße 15 erinnert an Marie Burde, die im Zweiten Weltkrieg ihr eigenes Leben riskierte, um das von drei fremden jungen Männern jüdischer Herkunft zu retten. Die bewegende Geschichte einer einfachen Frau, die zur Heldin wurde und weit über ihren Tod hinaus ein wichtiges Zeichen für die Gesellschaft setzte.

Es ist ein stiller, unscheinbarer Hinweis an der Fassade des Altbaus im Wedding, der an eine ebenso unscheinbare Frau erinnert. „Eine Tafel ist zunächst nur eine Tafel“, stellte Sigrid Klebba, Staatssekretärin für Jugend und Familie, bei der gestrigen offiziellen Enthüllung der Gedenktafel fest. „Nur wer sie lesen will, wird sich mit der Geschichte Berlins beschäftigen.“ Die von Marie Burde ist eine von vielen aus der Zeit, und doch ist sie auf ihre Weise einzigartig. „Mieze“ – das war ihr Spitzname – hatte nach ihrem Tod am 12. Juli 1963 weder Tagebücher noch Angehörige hinterlassen. Alles, was man heute über sie weiß, entstammt den Erzählungen der Brüder Rolf und Alfred Joseph, denen sie ab 1943 in ihrem mit alten Zeitungsstapeln möblierten Keller Schutz vor den Nationalsozialisten gewährte. Der Dritte, den Marie Burde versteckt hielt, war der ebenfalls Anfang zwanzigjährige Arthur Fordanski, ein Freund der Brüder.

 

Nachdem das Wohnhaus von Marie Burde in der Tegeler Straße 13 Ende 1943 von Bomben vollständig zerstört wurde, flüchteten Marie Burde und ihre Schützlinge in ein Gartengrundstück nach Schönow. Bis heute wurde das Haus nicht wieder aufgebaut, weshalb die Gedenktafel zwei Häuser weiter angebracht wurde. Historikerin Dr. Beate Kosmala machte in ihrer Ansprache im Rahmen der feierlichen Enthüllung die Bedeutung dieser Tafel noch einmal deutlich: „Marie Burde hat hier nebenan außergewöhnliches vollbracht. Sie hat drei jungen Männern aus Berlin, die für die Deportation in den Tod bestimmt waren, das Leben gerettet. Sie hat selbstlos und moralisch gehandelt. Geschichten dieser Helden brauchen wir heute mehr denn je – wir wissen das alle.“ In der Gedenkstätte „Stille Helden“ engagiert sich Beate Kosmala für die Erinnerung an Menschen wie Marie Burde, die während der NS-Diktatur verfolgten Juden beistanden.

Ob Marie Burde einschätzen konnte, in welche Gefahr sie sich selbst gebracht hatte? „Diese Frage stelle ich mir häufig“, sagt Ursel Sikora-Joseph, die Frau des 2012 verstorbenen Rolf Joseph. „Aus den Erzählungen meines Mannes weiß ich, dass sie eine sehr hilfsbereite, selbtslose Frau gewesen sein muss. Vielleicht war ihr aber auch nicht bewusst, welche Konsequenzen die Unterbringung auch für sie persönlich haben kann.“ Burde lebte selbst am Rande der Gesellschaft, war Zeitungsverkäuferin und Lumpensammlerin. Ob sie sich deshalb so verbunden fühlte? Anita Joseph-Bogdanski, die Frau des 2014 verstorbenen Alfred Joseph, erinnert sich daran, wie ihr Mann erzählte, dass die Jugendlichen im Gegenzug für Marie Burde kochten. Womöglich war sie einfach auf der Suche nach Gesellschaft.

Antworten auf diese Fragen wird man nicht mehr finden. Doch die Geschichte um „Mieze“ und die drei jüdischen Jugendlichen haben Schülerinnen und Schüler des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster in Schmargendorf für die Nachwelt festgehalten. 2004 lernten die damals 15-Jährigen Rolf Joseph bei einem Besuch einer Synagoge kennen und luden ihn ein, in ihrem Religionsunterricht aus seinem Leben zu erzählen. Rolf Joseph erzählte von seiner Flucht aus einem Deportationszug nach Auschwitz und wie er im Keller von Marie Burde wieder Schutz fand. 2008 brachten die Schüler im Eigenverlag die Biografie von Rolf Joseph unter dem Titel „Ich muss weitermachen – die Geschichte des Herrn Joseph“ heraus. Nach seinem Tod stiftete die Schülergruppe von damals mit den Einnahmen des Buches den Rolf-Joseph-Preis, mit dem sie die Jugendlichen von heute motivieren möchten, sich ebenfalls mit dem jüdischen Leben auseinanderzusetzen.

Von Susanne Stöcker,
14.07.2015

Rolf Joseph-Biographie

Die Rolf Joseph-Biographie „Ich muss weitermachen – die Geschichte des Herrn Joseph“ ist in der Buchhandlung Windsaat in der Uhlandstr. 82 (10717 Berlin) für 5,90 Euro erhältlich.